BQ Aquaris X5 Plus: Leistungsstarkes Mittelklasse-Smartphone mit Fingerabdruckscanner und Galileo-Satellitensystem

Erstellt am 25.11.16 von Felix Edelmann. Kategorie: Dies & Das

x5_4Mein geliebtes, aber auch inzwischen vier Jahre altes Handy Nexus 4 gab vor kurzem letztendlich den Geist auf – und ich wünschte mir ein neues Smartphone zum Geburtstag. Nur welches? Motorola stand bei mir lange hoch im Kurs, schließlich ist meine Wahl aber doch auf das Aquaris X5 Plus des eher unbekannten spanischen Herstellers BQ gefallen. Eine gute Entscheidung? Ich denke schon. Aber lest selbst, was mir an dem Entwicklerhandy gefällt und was mich ärgert:

Lieferumfang

Die Ausstattung ist eher knapp gehalten; neben dem Handy werden lediglich ein Micro-USB-Kabel (mit Datenfunktion), ein Drahtwerkzeug zum Öffnen der SIM-Klappe sowie die üblichen Garantiehinweise und eine Kurzanleitung (beide in Spanisch, Portugiesisch, Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch und Russisch) mitgeliefert.

Wer kein Netzteil bereits von vorherigen Geräten daheim hat (so wie ich: drei Stück), kann sich ein solches für etwa 5€ im Internet nachbestellen.

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Design und Haptik

Ich habe das X5 Plus in der Variante „Schwarz-Anthrazitgrau“ bekommen, es hätte auch noch das eher femininere Modell „Weiß-Rosagold“ gegeben. Schwarz bzw. Weiß wird als Hauptfarbe an Vorder- und Rückseite, Anthrazitgrau bzw. Rosagold als Akzentfarbe am Rahmen, um dem Fingerabdrucksensor herum und im bq-Schriftzug verwendet.

Die verglaste Vorderseite ist sehr schlicht gehalten. Oben befindet sich mittig ein Lautsprecher, links davon die Frontkamera und im linken oberen Eck die Benachrichtigungs-LED. Unten sind die drei Navigationstasten platziert, die nur durch leuchtende Punkte erkennbar sind. Diese werden zwar standardmäßig nach acht Sekunden Inaktivität dunkel, können aber in den Systemeinstellungen unter Display und Gesten → Tastenbeleuchtung dauerhaft aktiviert werden, was unbedingt zu empfehlen ist. Wer On-Screen-Tasten bevorzugt, kann diese ebenfalls aktivieren.

Die Rückseite ist aus Polycarbonat gefertigt und dadurch natürlich wesentlich weniger anfälliger für Fingerabdrücke oder Kratzer als die Glasrückseite meines Nexus 4, ist aber dadurch nicht ganz so hochwertig wie Glas oder Aluminium. Dennoch gefällt mir das schlichte Design mit der Kamera im linken oberen Eck, dem bq-Schriftzug in der Mitte und darüber dem Fingerabdruckscanner. Dieser funktioniert in der Praxis auch ziemlich zuverlässig; nur manchmal muss ich ein zweites Mal meinen Finger darauf legen, damit er erkannt wird und selten nach mehrmaligem Probieren ganz umgreifen. Das NFC-Feld befindet sich oberhalb des Fingerabdrucksensors.

Im Metallrahmen befinden sich die üblichen Tasten für Power und Lautstärke (beide rechts) sowie die Buchsen für Kopfhörer (oben) und Ladekabel (unten). Mikrofon und Lautsprecher sind ebenfalls an der unteren Seite angebracht, das Fach für die beiden Nano-SIM-Karten links und das für die MicroSD-Karte rechts. Etwas unpraktisch ist die Positionierung des Power-Buttons und der Lautstärkewippe direkt nebeneinander beim Erstellen eines Screenshots, wofür ich jetzt immer beide Hände hernehmen muss. Positiv ist dafür der Druckpunkt, es wackelt nichts und die Tasten lassen sich leicht, aber kontrolliert drücken.

Generell liegt das X5 Plus dank seiner runden Kanten angenehm und sicher in der Hand; die Plastikrückseite fühlt sich gut an, der Metallrahmen ist nicht zu kalt. Auf bestimmten Oberflächen wie etwa einem Sesselpolster oder Kissen ist das Gerät ziemlich rutschig, auf glatten Platten ist es wesentlich solider und rutscht nicht gleich bei einem Wisch von der Tischkante runter. Mit 145 Gramm hat das Smartphone genau das richtige Gewicht, um einen sicheren Halt zu gewähren und dennoch nicht zu schwer zu sein.

Die Verarbeitungsqualität des X5 Plus lässt sich als sehr gut beschreiben. Die Spaltmaße sind regelmäßig und sehr gering (die Einzelteile sind „passend wie angegossen“), es knarzt nichts, egal wie man das Gerät versucht zu drücken und zu biegen und auch sonst finden sich keine Mängel.

Display

Das 5-Zoll-FullHD-Display (1080 × 1920 Pixel) mit einer Pixeldichte von 441 ppi stellt alle Inhalte selbstverständlich gestochen scharf dar – ich habe aber keinen nennenswerten Unterschied zum Nexus 4 (4,7 Zoll, 768 × 1280 Pixel, 318 ppi) bemerkt. Für Interessierte zum Thema Pixeldichte möchte ich gerne den Artikel „Wieviele Pixel braucht ein Smartphone?“ von DeathMetalMods verlinken. Virtual Reality habe ich nicht testen können, Fans dieser Spielerei neuartigen Technik würde ich gefühlsmäßig eher zu einem 2K-Display raten.

Das App-Icon der Google-Suche, mit einer Spiegelreflexkamera herangezoomt

Das App-Icon der Google-Suche, mit einer Spiegelreflexkamera herangezoomt

Wesentlich interessanter ist die Bildschirmgröße. Eine 5-Zoll-Diagonale ist ja mittlerweile Standard auf dem Smartphone-Markt. Aber kann man dann sein Handy überhaupt noch einhändig bedienen? An den unteren Bildern sieht man, welcher Bereich vom Daumen abgedeckt werden kann, wenn man das Smartphone mit der rechten Hand eher oben bzw. eher unten hält. Man muss also zwischen Benachrichtigungsleiste-Herunterziehen und Homebutton-Drücken immer erst einmal umgreifen, woran man sich aber recht schnell gewöhnt und mir fällt es kaum noch auf. Dafür ist ein größeres Display eben in vielerlei Hinsicht einfach praktischer und schöner.

Zur Farbqualität: Vor allem im Weißen fällt beim IPS-Display ein leichter Rotstich auf und hellere Farben können nicht ganz so hell dargestellt werden, weshalb der Kontrast verringert wird. Das ist aber schon Meckern auf hohem Niveau. Positiv zu erwähnen ist, dass die Farben sehr satt wirken, insbesondere das Grün. Spiele und YouTube-Videos auf dem X5 Plus machen auf jeden Fall Spaß.

In Anbetracht der Jahreszeit konnte ich das Handy nie bei starkem Sonnenschein testen. Also kann ich nur gefühlt sagen, dass die höchste Helligkeitsstufe je nach Lichtverhältnissen zwar schon fast blendet, aber auch nicht heller ist als bei anderen Smartphones. Im Sommer wird das Display also wohl gerade noch lesbar sein. Ein Lichtsensor zur automatischen Helligkeitsanpassung ist vorhanden, effektiv muss man aber dennoch häufig nachregeln.

Kamera

Von der 16-Megapixel-Kamera bin ich eindeutig positiv überrascht. Die Farben sind prächtig und selbst ich verwackle nur selten meine Fotos. Besonders überzeugt mich der HDR+-Modus, der wirklich tolle Bilder ermöglicht. Hier einige Testbilder:

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mit HDR+

HDR+ bleibt aber nur im manuellen Modus automatisch aktiviert, im Auto-Modus muss man diesen jedes Mal etwas umständlich einschalten. Für Panoramen steht leider nur ein Breitbild-Effekt mit niedriger Qualität zu Verfügung, welcher absolut unbrauchbar ist. Etwas Photo-Sphere-Ähnliches hätte ich besser gefunden. Videos können in 720p (30/90/120 fps), 1080p (30/60 fps) oder 4K (30 fps) aufgenommen werden, Zeitlupen-Effekte sind also auch möglich, wobei die Belichtung bei 90 und vor allem 120 fps zu wünschen übrig lässt. Es ist mehr ein Gimmick als die ernsthafte Möglichkeit, gute Zeitlupen-Videos zu drehen.

Die Frontkamera schießt brauchbare Fotos, kommt natürlich nicht an die bessere Hauptkamera heran. Auch hier gibt es HDR+, was insbesondere dann einen Mehrwert bietet kann, wenn beim Selfie-Machen der helle Vorder- und der dunkle Hintergrund gut zu sehen sein sollen. Leider fehlt softwareseitig der manuelle Modus, HDR+ muss umständlich aktiviert werden – eben mal schnell ein Selfie in schlechten Lichtverhältnissen zu schießen ist nicht.

Konnektivität und Speicher

Das X5+ ist ein Dual-SIM-Handy, es lassen sich also zwei verschiedene Nano-SIM-Karten gleichzeitig benutzen (z. B. privat und geschäftlich). Außerdem gibt es einen microSD-Karten-Slot, NFC ist auch mit an Bord (der Sensor ist direkt über dem Fingerabdrucksensor).

Als erstes Gerät überhaupt unterstützt das Smartphone neben GPS und anderen Satellitennavigationssystemen auch den neuen europäischen Galileo-Standard. Kürzlich in diesem November wurden vier weitere Galileo-Satelliten ins All geschossen, funktionsfähig soll der EU-Dienst ab Ende diesen Jahres sein. Mit der App „GPS Satellites Viewer“, die die mit dem Handy verbundenen Satelliten anzeigt, habe ich bisher nie einen Galileo-Satellit gesehen, andere Nutzer berichten aber, ganz selten schon einmal einen gesichtet zu haben. Ganz egal, wann dieses System nun funktionsbereit ist: mich freut es, dass mein X5+ einen von USA und Russland unabhängigen Standard schon unterstützt.

x5_32Ich habe die Variante mit 32 GB Speicher, wovon knapp 25 GB tatsächlich nutzbar sind. Das reicht selbst bei vielen Apps noch lange, Fotos und Videos können ja auch auf die microSD-Karte ausgelagert werden oder man verwendet diese als internen Speicher und kann besonders riesige Spiele darauf ablegen (nur dann auf keinen Fall die microSD-Karte rausnehmen, sie wird vom System ständig benötigt!). Die Kombination aus großem internen Speicher und einem microSD-Karten-Slot ist in jedem Fall zukunftssicher.

Akku und Laden

Der 3200mAh-Akku hat mich immer sicher durch den Tag gebracht, so dass ich am Abend, wenn ich das Handy anstecke, noch etwa 40% habe. Nur bei mehrstündigem Spielen muss man während des Tages aufladen. Zwei-Tages-Ausdauer habe ich nie probiert, da ich täglich meist mehr als 50% verbraucht habe. Bei moderater Nutzung ist das aber durchaus denkbar und möglich.

Schade ist, dass BQ nicht wie bei der sonstigen Ausstattung auch auf modernere Standards (Fingerabdrucksensor, NFC, Galileo) setzt und eine Buchse für den reversiblen USB-Typ-C-Stecker einbaut, sondern eine für den normalen, „alten“ Micro-USB-Stecker. Tatsächlich fällt es mir auch etwas schwer, diesen in die Buchse zu stecken – das ging beim Nexus 4 irgendwie flüssiger, geschmeidiger.

Software

BQ verwendet ein sehr wenig angepasstes Android 6.0 Marshmallow. Einige Google Apps sowie die BQ-Plus-App, mit der man eine Versicherung für nicht von der Garantie abgedeckte Schäden abschließen kann, sind vorinstalliert. Sonst gibt es keine Bloatware. Sehr schön ist die Möglichkeit, die Schnelleinstellungen nach eigenem Belieben anzupassen. In den Systemeinstellungen gibt es einige sinnvolle Änderungen, leider keine Option für ADB über Netzwerk.

Entwicklernähe

BQ kann gerne als mindestens ebenso entwicklerfreundlich wie Google selbst mit seinen Nexus-Entwickler-Referenzgeräten gesehen werden. Aktiviert man eine Einstellung in den Entwickleroptionen, kann der Bootloader über einen einfachen fastboot-Befehl entsperrt werden. Custom Recovery und Root sind kein Problem. Ganz offiziell bestätigt ist auch, dass damit nicht sofort die Garantie verloren geht, sondern nur, falls dabei etwas schiefgeht (ein kaputtes Mikro wird also trotz Root repariert). Ein offizielles Flash-Tool (für Windows und Ubuntu) sowie für alle Updates die zugehörigen System-Images mit Changelog stehen zum Download bereit. Die Kernel-Quelltexte sind auf GitHub veröffentlicht. Kein Wunder, dass die Entwicklercommunity trotz der relativen Unbekanntheit des spanischen Herstellers vergleichsweise aktiv ist; CyanogenMod ist in Arbeit. Auch deutschsprachige Entwickler sind daran beteiligt und schreiben manchmal im deutschen Android-Hilfe.de-Forum.

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Nach dem Bootloader-Entsperren habe ich die Einstellung in den Entwickleroptionen wieder deaktiviert.

Wegen eines Problems mit dem ADB-Logcat habe ich den Support kontaktiert, der mich wiederum an das (offensichtlich spanische) Open-Source-Team von BQ weitergeleitet hat. Dieses konnte mit meiner deutschen Nachricht nichts anfangen und wollte mich wieder zum Support zurückweisen. Als ich auf englisch zurückschrieb, erhielt ich aber schnelle, freundliche und erfolgreiche Hilfe.

Fazit: Pro und Contra

Pro Contra
  • Tolle Kamera dank HDR+
  • Fingerabdrucksensor
  • Gutes Display
  • Gute Haptik und Verarbeitung
  • Galileo-Unterstützung
  • Leicht zu rooten (nur für Entwickler von Vorteil)
  • Geringer Preis in Anbetracht der Leistung
  • Kamera-App ist teilweise zu umständlich, die wenigen Effekte sind unbrauchbar/unnötig, sinnvolle Panorama-Modi fehlen
  • Akku hat noch Potenzial (mit etwas mehr Kapazität und/oder etwas geringerem Stromverbrauch könnte der Akku auch zwei ganze Tage durchhalten)
  • kein USB Typ-C-Anschluss

 

Fazit: Schlusskommentar

Für mich als Entwickler und Bastler ist das X5 Plus genau das Richtige. Ich habe ähnliche Möglichkeiten wie bei einem Google-Nexus-Gerät zu einem deutlich günstigeren Preis und ohne die starke Nähe zu Google, trotzdem aber mit einer durchaus aktiven Community.

Aber auch normalen Benutzern kann ich das Handy gerne weiterempfehlen. Der Fingerabdrucksensor, das große Display, die tolle Kamera und eine vergleichsweise aktuelle Android-Version (mit Aussicht auf baldige Updates, Android 7.0 ist für 2017/Q1 angekündigt) machen sich im Alltag super und lassen auf ein ebenso gutes Gefühl auch noch in ein, zwei, drei Jahren hoffen – denn als Flaggschiff-Gerät wird das Smartphone von der europäischen Firma BQ wohl noch lange mit gutem Support hierzulande unterstützt werden, was bei den unzähligen billigen China-Phones nicht unbedingt der Fall ist. Und das alles zu einem Preis von 300 € (oder zurzeit mit diversen Deals noch weniger) macht das BQ Aquaris X5 Plus meiner Meinung nach zu einem sehr gutem Mittelklasse-Gerät mit ausgezeichnetem Preis-Leistungs-Verhältnis.

 

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