Auf Freddie Mercurys Spuren durch München

Erstellt am 20.9.21. Kategorie: Dies & Das

Heute erscheint offiziell das Buch „Mercury in München – Seine besten Jahre“ von Nicola Bardola im Heyne-Hardcore-Verlag. Der Autor erzählt darin von der Zeit, die Freddie Mercury, der Sänger der legendären Band Queen, vornehmlich in München verbracht hat. Dafür hat er akribisch recherchiert, mit vielen Zeitzeugen gesprochen und eine ganze Reihe von Orten in München besucht.

Zusammen mit dem Verlag lud der Autor zu einem exklusiven Presserundgang „Auf Mercurys Spuren“ durch die Münchner Innenstadt. Klar, dass ich mir das nicht entgehen lassen wollte! Schon in den 1980er Jahren fand ich die Band Queen toll und ihr legendärer Auftritt beim Live Aid-Konzert am 13. Juli 1985 ist mir für immer unvergessen. Um selbst ein Queen-Konzert zu besuchen, war ich damals aber leider noch ein wenig zu jung. Später habe ich viele Dokumentationen und natürlich auch den Film „Bohemian Rhapsody“ gesehen und daher wusste ich auch, wenngleich nur recht vage, dass Freddie Mercury mehrere intensive Jahre in München gelebt hatte. Speziell mit dieser Zeit beschäftigt sich das Buch von Nicola Bardola und so war ich sehr gespannt auf den Rundgang.

Treffpunkt unserer Gruppe war am Marienplatz. Der Autor war schon allein wegen seines Freddie-Mercury-Schirms gleich prima zu erkennen. Neben ihm und drei Verlagsmitarbeiterinnen waren auch einige weitere Kolleg*innen von Radio und Zeitungen sowie eine Vertreterin des Queen-Fanclubs Deutschland mit von der Partie.

Hier bekam ich auch gleich ein Belegexemplar des schon auf den ersten Blick wirklich prachtvollen Buches überreicht, hatte aber noch gar nicht die Zeit, darin zu blättern, denn Nicola Bardola begann gleich zu erzählen. 1974 sind Queen zum ersten Mal in München aufgetreten und kamen von da an beinahe jährlich in die Isar-Metropole, entweder zu Konzerten oder auch zu Plattenaufnahmen in den legendären Musicland-Studios im Arabellapark. Freddie Mercury selbst hat von 1979 bis 1985 hier gelebt, was verschiedene Gründe hatte: Zum einen nahm der britische Staat in der Thatcher-Ära den Künstlern über 80 Prozent ihrer Einnahmen über die Einkommenssteuer wieder ab, so dass viele Künstler gezwungen waren, mindestens 300 Tage pro Jahr im Ausland zu leben. Zum anderen hat sich Freddie in München aber ganz besonders wohl gefühlt. Hier konnte er durch die Stadt spazieren, ohne von Paparazzi oder Fans behelligt zu werden. Und vor allem konnte er hier seine Sexualität ungeniert ausleben, aber dazu später mehr.

Freddie mochte kleine Kneipen, Bars oder „Boazn“, wie man auf bayrisch sagt. So fühlte er sich auch im „Petit Café“ in der Marienstraße besonders wohl, unserer ersten Station. Der damalige Wirt Hermann, genannt Hermine, ist auch auf dem Cover des Buches verewigt (der Typ mit der Brille). Der heutige Wirt Massimo erzählte uns bereitwillig, dass nicht nur Freddie Mercury, sondern auch seine Münchner Freundin, die Schauspielerin Barbara Valentin, häufig dort zu Gast war – wie übrigens heute noch deren Tochter.

Wenige Meter weiter befindet sich – zentral und doch ein wenig versteckt – die Stollbergstraße. Im Stollberg-Plaza mit der Hausnummer 2 hat Freddie im obersten Stockwerk die beiden Apartments Nr. 251 und 252 langfristig gemietet (die Namen der übrigen Bewohner habe ich auf dem Klingelschild-Foto aus Datenschutzgründen unkenntlich gemacht). Hier lebte Freddie mit seiner ganzen Entourage inklusive Bodyguards und Koch und hier wurde auch eine Szene des Videos „One Vision“ gedreht, welches ansonsten vor allem das Musicland-Studio im Arabellapark zeigt. Einige Schritte entfernt, in der Stollbergstraße 11 im 2. Stock, war die Wohnung von Barbara Valentin (das gelbe Haus im Hintergrund auf dem Foto unten). „Hier wurde noch mehr gefeiert als bei Freddie selbst“, erzählte Bardola.

Unser Weg führte uns weiter ins Tal 48. Hier befand sich das „Forty-Eight“ bzw. die Herrensauna „Caesar’s Club“, auf die Freddie durch das Werk „Spartacus International Gay Guide“ aufmerksam wurde. Laut Bardola hat Freddie so gut wie keine Bücher gelesen, aber dieses Nachschlagewerk, eine Art Reiseführer für Schwule, das einmal jährlich in Buchform erschien, gehörte zu seinem ständigen Reisegepäck. Hier hat Freddie den Varietékünstler „Miss Piggy“ kennengelernt, einen von vielen Zeitzeugen, die in Bardolas Buch zu Wort kommen und ihre Erinnerungen preisgeben.

Wir gingen weiter zum Viktualienmarkt. Im heutigen „Hotel am Markt“ hat Freddie eine Weile gewohnt und vom damaligen „Heiliggeiststüberl“ gleich nebenan ist eine nette Anekdote überliefert: Barbara Valentin hatte bei der Wirtin Bobby für sechs Uhr morgens ein Weißwurstfrühstück bestellt. Als sie gemeinsam mit Freddie nach einer durchzechten Nacht dort eintraf, war Bobby noch dabei, das Lokal aufzuräumen und alles herzurichten. Kurzerhand drückte Barbara Valentin Freddie einen Besen in die Hand und befahl ihm, den Boden sauber zu machen, während sie selbst sich um den Abwasch kümmerte. Erst dann konnten sie ihr Weißwurst-Frühstück genießen. Das damalige „Heiliggeiststüberl“ gibt es nicht mehr, aber vieles vom Interieur befindet sich heute im Lokal „Le Clou“ nur wenige Schritte weiter. Dort hängt auch das Bild an der Wand, das nun das Cover von Bardolas Buch ziert. Auf dem Cover gut zu erkennen sind die Schrauben, mit denen der Bilderrahmen an der Wand des Lokals fixiert ist, damit es kein Souvenirjäger mitnehmen kann.

Nun ging es noch einmal quer über den Viktualienmarkt zum Sebastiansplatz nahe des Münchner Stadtmuseums. Wo sich heute ein italienisches Lokal befindet, war früher das „Sebastianseck“ und dessen Wirt Winnie Kirchberger Freddies große Liebe. Monatelang lebten Winnie und Freddie in der Wirtewohnung im ersten Stock fast wie ein Ehepaar zusammen. Heute, so erzählte Bardola, wohnt dort eine Schweizer Regisseurin. Der Autor durfte einen Blick in ihre Wohnung werfen. Ein großes Bild von Freddie Mercury hängt dort an der Wand und erinnert an den früheren Bewohner. Und da, wo heute das Sofa der Regisseurin steht, soll damals das Bett von Freddie und Winnie gestanden haben. Der berühmte Sänger ist also in der Wohnung gewissermaßen noch immer präsent.

Auf der anderen Seite der Schrannenhalle lag früher der Promi-Treff „Kay’s Bistro“ (heute „Zum Goldenen Kalb“). In diesem Lokal des Szene-Wirts Kay Wörsching gaben sich in den späten 1970er und in den 1980er-Jahren die Promis quasi die Klinke in die Hand. Und so waren natürlich auch Freddie Mercury und Barbara Valentin oft hier zu Gast. Wörsching hat viele Jahre später ein neues Lokal eröffnet, das nur wenige Meter weiter liegt, das „Café Marimba“ in der Utzschneider Straße. Dort hängen heute viele Erinnerungsfotos aus der Ära des „Kay’s Bistro.“ Leider hatte das „Café Marimba“ geschlossen, als wir dorthin kamen, aber in dem verlinkten Artikel kann man viele Bilder sehen, die einen guten Eindruck vermitteln. Und natürlich kommt Kay Wörsching auch in Bardolas Buch zu Wort und verrät dort, welche Wörter Freddie Mercury auf Deutsch konnte. Eine Zeitlang hat er in der Stollbergstraße sogar Deutschunterricht genommen.

Nicola Bardola zeigte an dieser Stelle nicht nur, dass er auch für ein Späßchen zu haben ist, sondern er zählte auch auf, welche Queen-Singles in München entstanden sind, von „Crazy Little Thing Called Love“ (von Freddie erdacht in der Badewanne seiner Suite im Park Hilton am Englischen Garten) über viele, viele andere Hits bis hin zu Freddies Solo-Album „Mr. Bad Guy.“

Nun tauchten wir ein ins Münchner Glockenbachviertel, ehemals das berühmt-berüchtigte Szeneviertel der Stadt. Früher gab es hier noch deutlich mehr Schwulenkneipen, doch auch heute findet man hier eine Reihe von „Men only“-Etablissements. Eines davon ist das „Ochsengarten“, damals wie heute übrigens von einer Frau geführt und 1967 als erste „Lederkneipe“ Münchens gegründet. Nur wenige Schritte weiter in einem Hinterhof lag die „Pension Eulenspiegel“, später „Müller Inn“, in der man(n) sich vergnügen konnte, wenn die Bars geschlossen hatten. Weitere Station war der Club „Pimpernel“ in der Müllerstraße.

Natürlich durfte bei unserem Freddie-Mercury-Rundgang auch Münchens berühmtestes Klohäuserl nicht fehlen. Das Pissoir wurde 1900 gebaut und in den 1950ern vom Stachus in die Holzstraße gebracht, wo es heute noch steht. Zwischendurch war es arg verkommen und wurde nicht nur genutzt, um die Blase zu erleichtern. Mittlerweile ist es nicht mehr in Betrieb, dafür aber denkmalgeschützt und die Außenwände zieren seit Februar 2020 Porträts von Rainer Werner Fassbinder, Albert Einstein und Freddie Mercury. Alle drei lebten zeitweise im Münchner Glockenbachviertel und wurden auf diese Weise verewigt (mehr dazu auf muenchen.de). Das Projekt wurde u.a. von Autor und Künstler Martin Arz initiiert.

Vom Holzplatz waren es nur wenige Schritte bis zur Hans-Sachs-Straße, wo Barbara Valentin auch einmal eine Wohnung besaß, die sie gemeinsam mit Freddie gekauft hatte. Weiter ging’s zur Müllerstraße, Ecke Rumfordstraße. Hier befindet sich heute die „Paradiso Tanzbar“, der Nachfolger des legendären Clubs „Mrs. Henderson“, in dem Freddie damals Stammgast war. Verewigt wurde der Club im Video zu „Living On My Own“, das 1985 während der ausschweifenden Party zu Freddies 39. Geburtstag dort gedreht wurde.

Und schließlich kamen wir zur letzten Station unseres Rundgangs, zum legendären Hotel „Deutsche Eiche“ in der Reichenbachstraße. Aber was heißt Hotel? Das Haus bietet zudem ein Restaurant, eine wunderschöne Dachterrasse, eine Sauna und eine äußerst vielfältige Geschichte mit vielen illustren Gästen. Es wurde 1864 erbaut und war schon immer Gastgeber für ein bunt gemischtes Völkchen. Sogar Adolf Hitler soll in den Jahren 1921-23 häufig hier verkehrt haben, bis heute halten sich ja hartnäckig die Gerüchte, dass er selber schwul war und aus reiner Vertuschung deshalb besonders hart gegen Homosexuelle vorging. Wie auch immer, auch Freddie Mercury und Barbara Valentin waren hier zu Gast, wie Fotos im Lokal zeigen. Witzig ist auch die Beschriftung im Aufzug.

Dieser Aufzug brachte uns zur schönen Dachterrasse, von der aus man einen herrlichen Blick über München hat. Hier trafen wir auf Herbert „Herbi“ Hauke, den Gründer des Münchner Rockmuseums im Olympiaturm. Auch Herbi ist ein Zeitzeuge, der in Bardolas Buch zu Wort kommt. Er war 19 Jahre jung, als er im November 1974 das erste Queen-Konzert in München besuchte und durch einen glücklichen Zufall sogar hinter die Bühne durfte. Auf der Dachterrasse war auch ein TV-Team und drehte ein Interview mit Nicola Bardola und Herbi Hauke, das wir aus dem Hintergrund mitverfolgten.

Zu uns stieß auch Dietmar Holzapfel, Wirt der „Deutschen Eiche“ – für mich war das ein schönes Wiedersehen, denn ihn hatte ich im Oktober 2018 in einem ganz anderen Kontext kennengelernt, als ich über den 90. Geburtstag seiner Mutter berichtete, die in einem Baldhamer Seniorenheim lebte.

Inzwischen war das TV-Interview beendet und ich hatte Gelegenheit, mich bei Nicola Bardola für die ausgesprochen interessante Führung zu bedanken und mein Buch signieren zu lassen. Auch Zeit für ein gemeinsames Selfie blieb noch. Nach rund drei Stunden verabschiedete ich mich schließlich.

Wieder zuhause angekommen, fing ich sofort mit dem Buch an und las mich auch gleich fest. Meine Rezension dazu lade ich in den nächsten Tagen hoch. Vielen herzlichen Dank an den Heyne-Hardcore-Verlag für das Belegexemplar und für die Einladung zu dieser wunderbaren Führung, dank derer ich München wieder einmal aus einer ganz neuen Perspektive erleben durfte.

Und es gibt noch etwas, worauf ich mich schon heute freue: Herbi Hauke plant im kommenden Frühjahr, genauer gesagt vom 17. März bis zum 25. Juni 2022, eine Queen-Ausstellung in München. Genauere Infos dazu gibt es auf seiner Webseite Munich – City of Music.