Tee mit Ayman

Erstellt am 17.10.17. Kategorie: Buchrezensionen
„Tee mit Ayman“
von Astrid Ruppert
Bewertung
★★★★★
Verlag tredition
Buchform Gebunden, Taschenbuch, eBook
Erschienen Juni 2017
Seiten 224 als Taschenbuch
Erhältlich bei AP Buch Baldham, Buchladen Vaterstetten

Astrid Ruppert ist eine bekannte Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Filmproduzentin. Als im Sommer 2015 immer mehr Flüchtlinge zu uns nach Deutschland kamen, entschloss sie sich, sich in ihrem Heimatort als ehrenamtliche Flüchtlingsbegleiterin zu engagieren. Ihre Motivation: „Ich hatte – und habe immer noch – das Gefühl, im Leben viel Glück gehabt zu haben, und dass es an der Zeit war, etwas davon weiterzugeben an Menschen, die weniger davon abbekommen haben als ich“, so schreibt sie im Vorwort zu ihrem Buch. Über ihre Erlebnisse mit den Asylsuchenden hat sie ein Jahr lang eine wöchentliche Kolumne in der Alsfelder Allgemeinen Zeitung geschrieben. Diese Beiträge sind nun gesammelt in einem Buch erschienen.

Dieses Buch hat mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen. Offen und ehrlich schreibt die Autorin über ihre Gefühle, ihre Sorgen und Ängste vor der ersten Begegnung mit den Flüchtlingen, zum Beispiel über die Frage: Was ziehe ich an, als Frau, wenn ich gleich einer Gruppe junger männlicher Syrer gegenüberstehe? Und was bringe ich zur Begrüßung mit? Kekse? Schokolade?

Bald schon kann sie über ihre anfänglichen Sorgen schmunzeln, denn die 20 Flüchtlinge, die in einer ehemaligen Schule in ihrem Heimatort untergebracht werden, entpuppen sich als freundlich und dankbar für die Zuwendung, die sie dort erfahren. Voller Empathie schreibt Ruppert von herzerwärmenden Begegnungen, gemeinsamen Festen, fremden Bräuchen und guten Gesprächen, aber auch von vielen Schwierigkeiten, vor allem vom Irrsinn der Bürokratie. Voller Anteilnahme schildert sie die Schicksale der Bewohner, die geplagt werden von Heimweh, Sehnsucht nach ihren Familien, Sorgen um die Sicherheit ihrer Angehörigen. Sie schildert, dass viele der Flüchtlinge ihr Handy krampfhaft umklammern und nicht mehr aus den Augen lassen, wenn in den Nachrichten wieder einmal Berichte von Kämpfen in Syrien kamen.

Ehrlich schildert sie auch die Schwierigkeiten der ehrenamtlichen Helfer: Zwar wurde Ruppert wie ihre Mitstreiter in einem Kurs beim Evangelischen Dekanat Alsfeld gut auf ihre Aufgabe vorbereitet. Dennoch musste sie erst lernen, sich, wo nötig, auch abzugrenzen, um sich nicht selbst aufzureiben. Sie erzählt vom Frust der Helfer, wenn wieder einmal etwas nicht so klappt wie erhofft, wenn die Behörden es einem unnötig schwer machen, wenn nach der ersten Euphorie die Anzahl der Freiwilligen schrumpft und nur noch eine Handvoll Helfer übrig bleibt.

Aber auch diese schwierigen Themen schildert sie stets auf eine sympathische, positive Art. Und wenn sie berichtet, wie der junge Syrer Ayman ihr zum syrischen Muttertag einen Strauß Rosen schenkt, weil sie sozusagen seine Ersatz-Mama in der Fremde ist, dann ist man als Leser zutiefst gerührt. Überhaupt habe ich beim Lesen sämtliche Schützlinge der Autorin so richtig in mein Herz geschlossen.

Das Buch ist gegliedert in viele kurze Kapitel, die jeweils nur wenige Seiten umfassen. Es wäre also theoretisch möglich, immer nur kurze Stücke zu lesen – theoretisch, denn praktisch habe ich das Buch abends angefangen, die halbe Nacht durch gelesen und die allerletzten Kapitel dann am nächsten Mittag zu Ende gelesen, weil ich die Schilderungen so spannend fand und mir die Personen, die in dem Buch vorkommen, eben so ans Herz gewachsen sind, dass ich unbedingt wissen wollte, wie es mit ihnen weiter geht. Bekommt der eine seinen Praktikumsplatz? Der andere seine Wohnung? Schafft es der Dritte, seine kranke Frau und die gemeinsamen Kinder nachzuholen, damit sich die Familie nach fast zwei Jahren endlich wieder in die Arme schließen kann?

Viele der geschilderten Situationen kenne ich auch aus Berichten der hiesigen Helferkreise. Insofern werden sich bestimmt viele Menschen, die sich selbst zugunsten der Flüchtlinge engagieren, in diesem Buch wieder erkennen. Allen anderen sei das Buch nahe gelegt, um sich einmal selbst in die Situation der Geflüchteten hineinzuversetzen, was bekanntlich anhand von Einzelschicksalen meist leichter gelingt als anhand von nüchternen Meldungen in den Nachrichten.

Mein Fazit: Ein sehr bewegendes Buch und ein wichtiger Beitrag zum gegenseitigen Verständnis.

Obwohl Astrid Ruppert bereits mehrere Romane erfolgreich in großen Publikumsverlagen veröffentlicht hat, hatte sie bei „Tee mit Ayman“ Schwierigkeiten, einen Verlag zu finden. Nach etlichen Absagen entschloss sie sich, ihr Buch im Self Publishing zu veröffentlichen – eine ganz neue Erfahrung für sie, wie sie hier ausführlich erzählt. Gefördert wurde die Veröffentlichung von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

 

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