Kastelau: Viele Textstile, ein spannender Roman

Erstellt am 15.6.15 von Felix Edelmann. Kategorie: Buchrezensionen
„Kastelau“
von Charles Lewinsky
Bewertung
★★★★☆
Verlag Nagel & Kimche
Buchform Gebunden, Taschenbuch (geplant), eBook
Erschienen Sommer 2014
Seiten 400
ISBN 3-312-00630-9
Erhältlich bei Buchladen Vaterstetten

„Kastelau“ von Charles Lewinsky ist kein gewöhnlicher Roman – man liest keine Erzählung aus der Sicht einer oder mehrerer Personen. Vielmehr handelt es sich um eine Sammlung von Texten, die so angeordnet sind, dass sie beim Lesen eine sinnvolle Geschichte ergeben. Die meisten dieser Texte sind Quellen, die der (fiktive) Doktorand der Filmgeschichte Samuel A. Saunders bei den Recherchen zu seiner Dissertation gefunden hat. Das Resultat ist dann eine Aneinanderreihung von Briefen, Transkriptionen, Tagebucheinträgen, Zeitungsberichten, Notizen Saunders’ und sogar Wikipedia-Artikel, die übrigens ebenso wie das komplette restliche Buch frei erfunden sind.

Das Thema für die Doktorarbeit des jungen Studenten lautet „Nicht fertiggestellte UFA-Filme zu Ende des 2. Weltkriegs“. Also macht sich Saunders auf nach Deutschland, wo er bald die Zeitzeugin Tiziana „Titi“ Adam trifft, die in eben einem solchen Film selbst dabei war. In unzähligen Interviews, die Wort-für-Wort als Transkriptionen zu lesen sind, erzählt sie einiges über den Dreh des Films „Lied der Freiheit“.

Damals, also 1944, war ursprünglich Berlin als Drehort angedacht gewesen. Aufgrund der vielen Fliegerbomben beschloss allerdings das Team, den Schauplatz nach Kastelau zu verlegen, weil sie sich in diesem winzigen (und wieder einmal fiktiven) Örtchen bei Berchtesgaden sicherer fühlten. Für die Fahrt dorthin mussten Autos aus vergangenen Filmen benutzt werden – alle anderen waren schon von der Wehrmacht beschlagnahmt worden. Leider fuhr die Technik-Crew mitsamt dem Filmequipment in einem Auto, das als Militärfahrzeug angemalt worden war. Ein Flugzeug der Alliierten hielt es für echt und bombardierte es. Übrig blieb nur noch eine verkohlte Brandruine. Vom Schock über den Tod ihrer Kollegen getroffen, standen die restlichen Mitglieder des Filmteams (ein paar Schauspieler mitsamt Titi, sowie der Regisseur, der Aufnahmeleiter und der Drehbuchautor), die in einem anderem Auto gefahren waren, vor einer Entscheidung: Weiterfahren, ohne Requisiten, Materialien und sonstige Geräte? Oder zurück ins von Bombern ständig angegriffene Berlin?

Die Drehleute setzten auf ihre Improvisationskünste und machten sich wieder auf den Weg nach Kastelau. In den Bavaria Filmstudios schafften sie es sogar noch, eine Kamera, (viel zu wenig) Filmband und einen tauben (!) Tonmeister aufzugabeln. Als sie damit in das Dorf gelangten, stellten sie zu ihrem Glück fest, dass die Bewohner absolut keine Ahnung vom Filmdreh hatten, geschweige denn einmal im Kino gewesen waren. Es fiel also keinem auf, wenn sie zum Beispiel wieder einmal ihren Durchhaltefilm drehten, ohne die Kamera überhaupt eingeschaltet zu haben. (Dies machten sie einerseits, um Zeit zu schinden bis zur Rückkehr in die Hauptstadt nach Drehende. Anderseits war aber auch nicht genug Band für alle Aufnahmen vorhanden.) Das Drehbuch wurde auch erst in Kastelau geschrieben, denn die erste Fassung von „Lied der Freiheit“ war für eine große Auswahl an Kostümen, Requisiten und Kulissen ausgelegt gewesen und nicht für eine Einöde in den Bergen und die normale Alltagskleidung der Schauspieler.

Mit der Zeit zeichnete sich auch immer mehr die Niederlage des Krieges ab und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Amerikaner einmarschierten. Gerade der bisher immer sehr linientreue, aber auch ehrgeizige Schauspieler Walter Arnold kam dann auf die Idee, den Durchhaltefilm zu einem Protestfilm gegen die Nazis umzuändern. Indem er wenige, kurze Textpassagen änderte, wurde aus dem „Kampf gegen den Feind“ ein „Kampf gegen den Nationalsozialismus“. Walter Arnold wurde daraufhin sogar tatsächlich von den Amerikanern „entdeckt“ und konnte in Hollywood eine neue Karriere unter dem Namen Arnie Walter starten.

Als Saunders dies herausfindet, hat Arnie Walter gerade seine Biografie („From Berlin to Hollywood“) veröffentlicht. Darin stellt er sich als Widerstandskämpfer der ersten Stunde dar – der er ja gar nicht war, zumindest wie Titi Adam es erzählt und der Drehbuchautor Werner Wagenknecht es in seinem Tagebuch aufgeschrieben hat. Saunders will diesen Skandal in seiner Doktorarbeit aufdecken. Ein alter Studienfreund rät ihm, lieber gleich ein Enthüllungsbuch zu schreiben und die Dissertation zu vergessen. Saunders ignoriert die Idee, in seinen späteren Notizen ist dann aber zu lesen, dass es wohl doch eine bessere Wahl gewesen wäre. Arnie Walter bekommt nämlich anscheinend Wind von der Sache und hetzt seine Anwälte auf den armen Studenten. Saunders kann niemals den Skandal publik machen, gerät als Nächstes in eine finanzielle Krise und muss sich mit einer Videothek über Wasser halten. Sein Leben endet damit, dass er Arnie Walters Stern im Walk of Fame demoliert und beim Eintreffen der Polizei einen Herzanfall bekommt. Kurioserweise beginnt das Buch mit einer Zeitungsmeldung darüber.

Ganz zu Anfang befindet sich ein Vorwort eines Unbekannten, der anscheinend alle Aufzeichnungen von Samuel A. Saunders gefunden hat. Er schreibt, dass er diese in einem seiner Meinung nach sinnvollen Arrangement angeordnet hat. Die Interviews mit Titi Adam, die als Kassettenaufnahme vorlagen, habe er abgetippt und alle Texte ins Deutsche übersetzt. Seine Initialen sind C. L. – hier hat sich also anscheinend der Autor Charles Lewinsky selbst eingebaut.

Fazit / Eigene Meinung

Ich fand diese Darstellung aus verschiedenen Quellentexten sehr interessant zu lesen. Damit einher geht aber leider auch, dass das Buch durchaus anspruchsvoll und teilweise verwirrend ist. In einem normalen Roman lassen sich Zusammenhänge und Eigennamen einfach viel leichter erklären.

Nichtsdestotrotz finde ich die Geschichte extrem spannend. Zu dieser geschichtlichen Zeitepoche gibt es zwar schon viele gute Bücher, selten sind diese aber aus der Sicht der Linientreuen geschrieben, die aber eigentlich gar nicht so vom Nazi-Regime überzeugt und. Auch dieser allgemeine Wandel zu Ende des Krieges ist interessant – plötzlich kann jeder wieder frei reden, aber irgendwie doch nicht, weil man sich ja mit den Alliierten gutstellen möchte.

Dieses Buch sollte all denen gefallen, die auch sonst Spaß am Recherchieren haben und gerne ein bisschen Abwechslung im Textstil und der Sichtweise mögen.