Unerwünscht – der lange Weg zur Integration

Erstellt am 30.4.16. Kategorie: Buchrezensionen
„Unerwünscht“
von Mojtaba, Masoud und Milad Sadinam
Verlag Piper
Buchform Taschenbuch
Erschienen Mai 2016
Seiten 256
Erhältlich bei AP-Buch Baldham, Buchladen Vaterstetten

Kürzlich war ich zu einer ganz besonderen Lesung in der Gemeindebücherei Zorneding. Auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung und des Zornedinger Asyl-Helferkreises lasen dort die Zwillingsbrüder Mojtaba und Masoud Sadinam aus dem Buch, das sie gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Milad verfasst haben. Die drei jungen Iraner schildern darin ihre Kindheit im Iran der 1980er Jahre und die Umstände, die sie zusammen mit ihrer regimekritischen Mutter zur Flucht nach Europa zwangen. Mittels eines Schleppers gelangten sie nach Deutschland – zwar wollten sie eigentlich nach Frankreich, wo eine Tante lebte, aber das war schon die erste Lektion, die sie als Asylsuchende lernen mussten: Sie hatten keine Wahl, einfach dorthin zu gehen, wo sie hin wollten. Der Schlepper hatte sie nach Deutschland gebracht, hier betraten sie erstmals europäischen Boden, folglich mussten sie hier bleiben und hier ihren Asylantrag stellen.

Abwechselnd erzählen die drei Brüder von ihren Eindrücken in Deutschland, von den vielen Stationen, die sie vom Auffanglager über weitere Unterkünfte schließlich bis nach Lengerich in Nordrhein-Westfalen führten. In vielen teils amüsanten, teils traurigen Szenen sieht der Leser mit den Augen der jungen Iraner auf deutsche Normalität, etwa beim Einkaufen im Supermarkt, wo die Familie vergeblich auf einen Verkäufer wartet, oder beim ersten Besuch in der Schule („Da sind ja gar keine Zäune drum herum! Die Schüler können jederzeit abhauen!“).

Die Integration fällt der Familie bei allem Bemühen nicht immer leicht. Zwar lernen sie von Anfang an emsig Deutsch und schrecken dabei auch nicht vor so schwierigen Vokabeln wie „Parkleitsystem“ zurück, doch von behördlicher Seite werden ihnen dabei so manche Steine in den Weg gelegt: Die Zwillinge Mojtaba und Masoud kommen zunächst in eine Auffangklasse mit anderen Ausländern und nur der Beharrlichkeit ihrer Mutter ist es zu verdanken, dass sie von dort den Weg auf die Realschule und weiter aufs Gymnasium schaffen. Etwas leichter hat es der jüngere Milad, der gleich in einer normalen Grundschulklasse eingeschult wird.

Die Mutter hingegen, die einen Deutschkurs beim Goethe-Institut belegen und auch aus eigener Tasche zahlen will, wird massiv daran gehindert. Denn der Kurs findet im 20 km entfernten Osnabrück statt – das jedoch liegt in Niedersachsen und damit in einem anderen Bundesland, dorthin dürfen die Sadinams nicht einfach so reisen. Stattdessen soll die Mutter einen Deutschkurs in Münster belegen. Das liegt zwar auch in Nordrhein-Westfalen, ist aber gut 100 km entfernt. Auch die Kinder dürfen nicht einmal zu einem Kinobesuch nach Osnabrück – ein Umstand, der es ihnen nicht gerade leichter macht, Kontakte zu ihren neuen Klassenkameraden zu knüpfen.

Und dann wird auch noch der Asylantrag abgelehnt… ein jahrelanges Tauziehen und Wechselbad der Gefühle beginnt.

Die beiden sehr sympathischen Brüder schilderten in der Lesung mit viel Humor ihren schwierigen Weg, bis sie 2011 – 15 Jahre nach ihrer Flucht! – schließlich ihren Einbürgerungsbescheid erhielten. Und dabei ist ihnen vollkommen bewusst, dass sie es im Vergleich zu heutigen Flüchtlingen noch leicht hatten, denn sie konnten sich in Teheran in ein Flugzeug setzen, das in Hannover landete. Eine gefährliche Flucht über das Mittelmeer oder die Balkonroute blieb ihnen erspart.

Ich habe die Lesung mit großer Spannung verfolgt, musste an vielen Stellen schmunzeln und gleichzeitig die eine oder andere Träne wegblinzeln. Seitdem steht das Buch ganz oben auf meiner Wunschliste, denn die vielen gehörten Auszüge haben mich definitiv neugierig darauf gemacht, die Geschichte der drei Brüder nun ganz genau nachzulesen.