Die Sehnsucht der Inselärztin

Erstellt am 28.3.17. Kategorie: Buchrezensionen
„Die Sehnsucht der Inselärztin“
von Anni Deckner
Bewertung
★★★☆☆
Verlag Forever by Ullstein
Buchform eBook
Erschienen April 2017
Seiten 200
Erhältlich bei AP Buch Baldham, Buchladen Vaterstetten

Ja, der Buchtitel klingt unglaublich kitschig. Und ja, dies dürfte wohl so ungefähr meine tausendste Lektüre sein, die an der Nordsee spielt. Als Münchnerin, die das Meer und den Norden liebt, habe ich wahrlich schon viele Bücher gelesen, die in Norddeutschland spielen. Und ich weiß, da gibt es große qualitative Unterschiede. Deshalb war ich zunächst auch sehr skeptisch, was dieses Buch angeht. Doch die Leseprobe bei vorablesen.de hat mich dann doch neugierig auf mehr gemacht.

Zur Handlung: Die junge Thordis verlässt ihre Heimatinsel Norderney, nachdem ihre Jugendliebe Boie sie betrogen hat. Sie macht Karriere als Unfallärztin in Hamburg und will eigentlich nie nach Norderney zurückkehren. Jahre später übernimmt sie aber doch die Praxis des Norderneyer Inselarztes und prompt trifft sie dort auch Boie wieder. Wäre das die ganze Handlung, so hätte ich das Buch sicher gelangweilt wieder weggelegt. Aber es gibt da noch einen zweiten Handlungsstrang, der für einen Nordsee-Roman durchaus ungewöhnlich ist. In Hamburg nämlich hat Boie sich in einen Patienten verliebt, den türkischstämmigen Ayaz. Die beiden heiraten und bekommen einen Sohn, Leo. Doch die Ehe scheitert und Ayaz entführt Leo in die Türkei, als dieser zwei Jahre alt ist. Fünf Jahre lang kämpft Thordis vergeblich darum, ihren Sohn zu sich zurückzuholen. Nur ab und zu erlaubt Ayaz, dass Leo seine Mutter anruft. Wo genau der Junge sich aufhält, weiß Thordis nicht. Sie weiß nur, dass Ayaz’ Familie aus Antalya stammt und deshalb fährt sie jedes Jahr zu Leos Geburtstag dorthin und sucht in dem türkischen Badeort nach ihrem Sohn.

Leos Entführung ist auch ein Grund, warum Thordis doch nach Norderney zurückkehrt, denn in Hamburg hält sie es nun nicht mehr aus. Doch eigentlich ist es egal, wo sie wohnt, ihr ganzes Denken ist auf ihren verschwundenen Sohn ausgerichtet, auch Boie hat keine Chance, sich mit ihr zu versöhnen, obwohl er sich sehr darum bemüht. Eine Bekannte gibt Thordis schließlich den Tipp, nicht ausgerechnet an Leos Geburtstag nach Antalya zu reisen, weil die Familie zu diesem Zeitpunkt sicher besonders vorsichtig ist. Thordis beherzigt diesen Rat und tatsächlich: bei ihrer nächsten Türkeireise zu einem anderen Datum findet sie tatsächlich ihren Sohn. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse und Thordis landet im türkischen Gefängnis.

Ich fand die Geschichte durchaus spannend, was auch daran liegt, dass sie nicht chronologisch erzählt wird, sondern einige Zeitsprünge enthält. So liegen zwischen der ersten Szene im Hamburger Krankenhaus und der zweiten Szene in der Inselpraxis auf Norderney rund acht Jahre. Was dazwischen alles passiert ist, vor allem die Heirat und die Entführung, erfährt man durch Rückblenden.

Leider ist die Geschichte teilweise aber recht unglaubwürdig. Hat ein Kind in der Türkei wirklich direkt ab der Einschulung die Möglichkeit, Deutsch zu lernen, so wie es Leo tut? Auch Boie ist mir zu einseitig dargestellt als der immer Liebende, immer Geduldige, der Thordis keine einzige ihrer Launen krumm nimmt. Dazu gibt es ein paar kleinere logische Fehler: So nimmt Boie zum Beispiel Thordis’ Handy an sich, um einige gelöschte Bilder wiederherzustellen. In der nächsten Szene blickt Thordis auf ihr Handy, um die Uhrzeit festzustellen, doch erst in der übernächsten Szene bekommt sie ihr Handy von Boie zurück.

Ich hatte das Buch in einem Tag durchgelesen, was einerseits sicher an der sehr einfachen Sprache mit kurzen Sätzen liegt, andererseits aber auch daran, dass die Geschichte letztlich durchaus spannend war. Und nach der Lektüre musste ich noch eine Weile über das Gelesene nachdenken, denn schließlich gibt es auch in der Realität viel zu viele Fälle solcher Kindesentführungen und leider haben diese in den wenigsten Fällen ein solch glückliches Ende wie in diesem Roman.

Alles in allem war das eine solide kurzweilige Unterhaltung für ein Wochenende im Strandkorb oder Liegestuhl und dafür vergebe ich drei Sterne.