Sterne über Lissabon

Erstellt am 1.8.18. Kategorie: Buchrezensionen
„Sterne über Lissabon“
von Manuela Martini
Bewertung
★★★★★
Verlag Aufbau Verlag
Buchform Taschenbuch, eBook
Erschienen Oktober 2017
Seiten 317 als Taschenbuch
Erhältlich bei AP Buch Baldham, Buchladen Vaterstetten

Tess arbeitet als Journalistin in Chicago. Als ihr Großvater stirbt, findet sie in seinem Nachlass einen alten Fado-Text. Ihre Tante Rose drängt sie, nach Lissabon zu reisen, um dort mehr über die bewegte Vergangenheit ihres Großvaters herauszufinden. Tess zögert, denn schließlich ist in Lissabon ihre Mutter Paula, Roses Schwester, tödlich verunglückt. Aber schließlich fliegt sie doch nach Portugal und findet dort nach und nach tatsächlich einige Spuren ihres Großvaters, wobei der Fado, der typisch portugiesische, schwermütige Gesang, eine wichtige Rolle spielt:

Tess’ Großvater wurde als Hans Scheugenpflug in Frankfurt geboren und arbeitete in Nazideutschland als junger ehrgeiziger Journalist. Doch als er einen aufrührerischen Text schreibt, wird er entlassen. Er verlässt Deutschland, seine Familie und seine Verlobte Eleonore und geht nach Paris, wo er die Vergangenheit hinter sich lassen will. Doch Eleonore folgt ihm und noch bevor Hans sich von ihr trennen kann, bricht der Krieg aus: Eleonore kann nicht zurück nach Deutschland und auch in Frankreich sind die beiden Deutschen nicht mehr sicher. Notgedrungen müssen sie gemeinsam quer durch Europa flüchten, bis sie schließlich in Lissabon stranden. Von dort, so hoffen sie, können sie per Schiff nach Amerika auswandern. Doch ihre Liebe zueinander ist längst erloschen, das Warten und die Flucht zehren an ihren Nerven und schließlich verliebt sich Hans in eine Fado-Sängerin. Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse und Eleonore trifft eine folgenschwere Entscheidung, die auch die nachfolgenden Generationen nicht unberührt lässt.

Tess, von all diesen Familiengeheimnissen und ihren eigenen Gefühlen überfordert, flieht zurück nach Amerika. Drei Jahre später erhält sie plötzlich einen Brief aus Patagonien. Es wird Zeit, sich endgültig der Vergangenheit zu stellen.

Die Geschichte ist auf drei Zeitebenen erzählt: Tess in der Gegenwart, Hans in der Vergangenheit zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und dazwischen Paula bei ihrem tragischen Besuch in Lissabon berichten abwechselnd aus ihrer Sicht. Mit Tess konnte ich zunächst nicht so richtig warm werden, anfangs störte mich auch ihre sehr amerikanische Sicht auf Lissabon, eine Stadt, die mir persönlich sehr ans Herz gewachsen ist. Doch je weiter ich in die Geschichte von Hans eintauchte, umso gelungener fand ich dann auch, dass Tess so eine gänzlich andere Sichtweise hat und das im Buch so überzeugend dargestellt ist.

Je weiter die Geschichte voranschritt, umso mehr zog sie mich in ihren Bann. Ja, sie hat mich so sehr beschäftigt, dass ich nachts sogar davon geträumt habe. Sehr bewegend fand ich die Schilderung, wie zermürbend für die Flüchtlinge in Lissabon damals das Warten und Bangen, das untätige Herumsitzen und die eigene Ohnmacht waren. So ähnlich müssen sich auch die Flüchtlinge heutzutage in den Auffanglagern fühlen. Es wird ja leider gerne vergessen, dass auch viele Deutsche einmal in solch einer schlimmen Situation waren und oft nur dank der Hilfsbereitschaft mitfühlender Menschen überlebt haben.

Alles in allem eine sehr bewegende Geschichte, die mich noch lange beschäftigt hat, zumal am Ende durchaus noch einige Fragen offen bleiben. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre!