Drei Frauen am See

Erstellt am 3.9.18. Kategorie: Buchrezensionen
„Drei Frauen am See“
von Dora Heldt
Bewertung
★★★★★
Verlag dtv
Buchform Taschenbuch, eBook
Erschienen August 2018
Seiten 576 Seiten als Taschenbuch
Erhältlich bei AP Buch Baldham, Buchladen Vaterstetten

Seit langem bin ich ein großer Fan der Romane von Dora Heldt. Ich habe bislang jedes ihrer Bücher gelesen und durfte sie auch schon zweimal live erleben, einmal bei einer Lesung aus ihrem ersten Krimi „Böse Leute“ im Jahr 2016 und ziemlich genau ein Jahr später nochmal bei einem Besuch im dtv-Verlag in München, wo sie aus dem Nachfolgekrimi „Wir sind die Guten“ las und vor allem höchst amüsant aus dem Nähkästchen plauderte.

Jetzt gibt es wieder etwas Neues von Dora Heldt und nach den heiteren Romanen wie z.B. „Urlaub mit Papa“ und den oben genannten Krimis schlägt die Autorin nun neue Töne an, ernster und tiefschürfender, aber auch unendlich berührend. „Drei Frauen am See“ erzählt die Lebensgeschichten der vier Frauen Marie, Alexandra, Friederike und Jule. Schon seit ihrer Kindheit waren sie beste Freundinnen, die die Sommer gemeinsam im Haus am See verbrachten, das Maries Eltern gehört. Auch später, als die vier erwachsen geworden sind, trafen sie sich jedes Jahr an Pfingsten zu einem langen Wochenende am See – bis zu dem großen Streit vor gut zehn Jahren. Seitdem haben die vier keinen Kontakt mehr zueinander.

Doch dann stirbt Marie und die drei anderen Frauen bekommen Post vom Notar, der sie zu einem Termin einbestellt. Allein schon das Aufeinandertreffen der drei einstigen Freundinnen dort sorgt für Zündstoff, erst recht aber das, was der Notar ihnen eröffnet: Marie hat ihnen gemeinsam das Haus am See vermacht, allerdings unter der Auflage, dass sie sich die nächsten fünf Jahre dort immer zu Pfingsten treffen.

Jule ist die erste, die empört aufspringt und wutentbrannt das Notariat verlässt. Der Leser ahnt bereits, dass es bei dem großen Streit um keine Banalitäten ging, sondern vielmehr um tiefschürfende Verletzungen, die bei keiner der Frauen inzwischen verheilt sind, ganz im Gegenteil. Dennoch war es Maries letzter Wunsch, dass sich Alex, Jule und Friederike wieder annähern, zu kostbar war doch ihre Freundschaft in jüngeren Jahren.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive aller vier Frauen erzählt, mal in der Gegenwart, mal in Form von Rückblicken, Tagebucheinträgen und Erinnerungen. Vor dem geistigen Auge leben unbeschwerte Kindheitssommer auf, erste Jugendlieben und die Suche nach dem eigenen Ich, als die vier Mädchen mit der Schule fertig sind und vor der Frage stehen, was sie nun mit ihrem Leben anfangen sollen. So unterschiedlich die vier auch sind, so deutlich spürbar ist auch ihr Zusammenhalt, ihre Liebe zueinander – eben bis zu jenem großen Krach, dessen Ursache man erst gegen Ende des Romans erahnt, aber Genaueres wird hier natürlich nicht verraten.

Von der ersten Seite an hat mich dieser Roman völlig in seinen Bann gezogen. Wie gut, dass das letzte Wochenende mit seinem Regenwetter ohnehin dazu einlud, ausgiebig zu lesen, denn ich hätte das Buch eh nicht mehr aus der Hand legen können. Jede der vier Frauen ist mir ans Herz gewachsen, ich habe ihre Entwicklung vom Schulmädchen zur erwachsenen Frau in den Fünfzigern gespannt verfolgt, habe mitgelitten und so manche Träne geweint, insbesondere, wenn es um Marie ging, jene gute Seele des Kleeblatts, der die Harmonie immer ein großes Bedürfnis war, sogar bis über ihren Tod hinaus.

Von der Grundstimmung her erinnert mich „Drei Frauen am See“ an meinen bisherigen Lieblingsroman von Dora Heldt, nämlich an „Unzertrennlich“, denn auch da ging es um Freundschaften, die aus verschiedensten Gründen auseinander gehen und wieder aufleben sollen. Allerdings sind die Protagonistinnen in Dora Heldts neuestem Roman nochmal zehn Jahre älter, was wieder völlig neue Aspekte in die Geschichte einbringt. Mich hat das Buch zudem sehr nachdenklich gemacht: Allzu schnell kann das Leben vorbei sein, man sollte sich genau überlegen, ob man wirklich wegen eines Streits unversöhnlich bleiben will oder doch lieber das Gespräch suchen sollte, so lange man noch die Möglichkeit dazu hat.

Fazit: Ein wunderbarer Roman über Freundschaft, Lebenslügen, die hohe Kunst der Vergebung, die Vergänglichkeit des Lebens und über den hohen Stellenwert von schönen Erinnerungen.

Wer noch mehr erfahren will, findet auf der Webseite des dtv-Verlags ein schönes Interview mit Dora Heldt. Darin verrät sie unter anderem, dass sie überlegt, eine der vier Protagonistinnen noch ein wenig länger in ihrem Leben zu begleiten und darüber einen neuen Roman zu schreiben. Das würde mich persönlich sehr freuen, aber: Warum nur eine? Ich würde alle drei Frauen gerne in einem neuen Buch „wiedersehen.“