Die Schokoladenvilla

Erstellt am 27.10.18. Kategorie: Buchrezensionen
„Die Schokoladenvilla“
von Maria Nikolai
Bewertung
★★★★★
Verlag Penguin
Buchform Taschenbuch, eBook
Erschienen Oktober 2018
Seiten 652 als Taschenbuch
Erhältlich bei AP Buch Baldham, Buchladen Vaterstetten

Und gleich noch ein Buch, das den Auftakt einer Trilogie darstellt: „Die Schokoladenvilla“ handelt von einer Unternehmerfamilie in Stuttgart zur Zeit um 1903/1904. Die Familie Rothmann besitzt eine Bonbon- und Schokoladenfabrik und wohnt in einer noblen Villa. Zur Familie gehören Vater Wilhelm, Mutter Hélène, Tochter Judith und die Zwillingssöhne Anton und Karl. Nach außen hin bemüht sich vor allem Wilhelm, den Schein zu wahren, doch in Wahrheit hält sich Hélène schon seit Monaten am Gardasee auf, um ihr Nervenleiden auszukurieren. Je länger sie fortbleibt, umso mehr wächst ihre Überzeugung, dass ihr die Ehe mit Wilhelm nicht gut tut, so dass sie schließlich den Entschluss fasst, sich zu trennen – ein Skandal in der damaligen Zeit.

Judith, die davon nichts ahnt, kümmert sich um Haus und Personal, doch ihre wahre Leidenschaft ist die Schokoladenherstellung: Wann immer es ihr möglich ist, probiert sie in der Fabrik neue Ideen aus. Bei ihrem Vater stößt sie damit allerdings auf keine Gegenliebe, schließlich haben Frauen in der Firmenführung nichts zu suchen. Er plant stattdessen ihre Verlobung mit Albrecht von Braun, dem Spross einer Bankiersfamilie. Judith ist entsetzt, findet sie Albrecht doch regelrecht abstoßend. Da ist sein Freund Max schon deutlich attraktiver!

Auf einer festlichen Abendgesellschaft kommt es zum Eklat: Wilhelm verkündet die Verlobung von Albrecht und Judith, doch Judith flüchtet entsetzt aus dem Saal und brüskiert damit die Familie von Braun. Trost findet sie bei Max, doch wenig später verlässt Max Stuttgart in Richtung Italien, wo er zufällig Judiths Mutter trifft, die aber nicht ahnt, wen sie da vor sich hat. Judith hingegen bleibt unglücklich zurück.

Inzwischen taucht der charismatische Victor Rheinberger, ein entlassener Strafgefangener aus Berlin, in Stuttgart auf, um hier ein neues Leben zu beginnen. Durch Zufall bewahrt er die umtriebigen Zwillinge vor einem Unglück und lernt so die Familie Rothmann kennen, was schließlich zu seiner Anstellung in der Schokoladenfabrik führt. Gemeinsam mit Judith entwickelt er dort ohne das Wissen ihres Vaters neue Ideen für einzigartige Schokoladenautomaten, die an Bahnhöfen oder in großen Hotels aufgestellt werden könnten. Dabei kommen sich die beiden näher und verlieben sich.

Dann spitzen sich die Ereignisse dramatisch zu: Wilhelm kämpft mit allen Mitteln um den Erhalt seiner Firma, die in finanzielle Nöte geraten ist. Umso dringlicher ist in seinen Augen die Heirat von Judith und Albrecht, denn die ist Bedingung für neue Kredite, die Albrechts Vater Wilhelm gewähren soll. Victor versucht, Judith zu helfen, indem er Albrechts fragwürdige nächtliche Aktivitäten aufdeckt, doch davon will Wilhelm gar nichts wissen. Schließlich sieht Judith keinen anderen Ausweg mehr als die Flucht aus dem Elternhaus. Zuflucht findet sie bei Victor, doch auf einmal fällt ein Schuss…

Dieser Roman ist unglaublich spannend geschrieben, was zum einen an den häufigen Perspektivwechseln liegt, zum anderen auch am Wechsel der Handlungsorte: Mal geht es um Judith oder Victor in Stuttgart, dann wieder um Hélène in Italien. Zugleich zeichnet das Buch auch ein wunderbares Sittengemälde der Stuttgarter Gesellschaft um die Jahrhundertwende: Die Elektrizität ist langsam auf dem Vormarsch, findige Tüftler werden erfolgreich, Stuttgart ist ein Zentrum des Maschinenbaus, der Textilindustrie und der Süßwarenherstellung. Die Frauen allerdings haben in dieser Zeit fast keine Rechte: Sie kümmern sich um Haus und Familie und tun das, was ihnen der Vater oder der Ehemann vorschreibt.

Noch viel schlimmer sieht es bei den unteren Gesellschaftsschichten aus, in der Welt der Dienstboten und Arbeiterinnen. Die haben erst recht nichts zu melden und viele verdienen in den Fabriken so wenig, dass sie sich nebenbei prostituieren müssen, um über die Runden zu kommen. Im Roman sind diese gesellschaftlichen Gegensätze wunderbar herausgearbeitet, ohne dass dabei der erhobene Zeigefinger bemüht werden muss. Ein Personenverzeichnis, ein Glossar und Erläuterungen zum historischen Hintergrund und den Handlungsorten geben am Ende des Buches weiterführende Informationen, die ich mit großem Interesse gelesen habe.

Am Ende der Geschichte bleiben noch einige Fragen offen, etwa das Schicksal von Hélène oder die Zukunft mancher Dienstboten der Familie. Deshalb bin ich jetzt schon sehr gespannt auf den zweiten Teil der Trilogie.

Übrigens: Auf der Homepage der Autorin gibt es eine Leseprobe.