Die Seidenhändlerin

Erstellt am 9.11.18. Kategorie: Buchrezensionen
„Die Seidenhändlerin“
von Gabriela Galvani
Bewertung
★★★★☆
Verlag dotbooks
Buchform eBook
Erschienen Juni 2018
Seiten 529
Erhältlich bei AP Buch Baldham, Buchladen Vaterstetten

Como/Italien im ausgehenden 18. Jahrhundert: Emilia und Serena Bossi sind zwar eineiige Zwillinge, vom Wesen her jedoch grundverschieden. Während Serena sich leidenschaftlich für den Seidenhandel interessiert, den ihr Vater und Großvater aufgebaut haben, hängt Emilia ihr Herz eher an die schönen Künste. So wählt sie schließlich für sich den Beruf einer Gouvernante und verlässt Como in Richtung Wien, als ihre Schwester den Seidenhandel übernimmt. Die beiden Schwestern haben daraufhin kaum noch Kontakt.

Doch dann gerät Emilia in eine kompromittierende Situation, die sie ihre Stellung kostet. Überstürzt muss sie Wien verlassen und sucht Zuflucht bei ihrer Schwester in Como. Die ist alles andere als erfreut, Emilia zu sehen. Wenig später stirbt Serena unter mysteriösen Umständen und Emilia bleibt nichts anderes übrig, als in die Rolle ihrer Schwester zu schlüpfen, um nicht in Schwierigkeiten zu geraten. Es gelingt ihr tatsächlich, ihre Umgebung zu täuschen.

Doch dann taucht der Verleger Francesco Agnelli aus Lugano auf. Mit dessen Schwester Lucia hatte Emilia sich auf ihrer Reise angefreundet, deshalb hat sie nun Angst, ihr Betrug könne auffliegen, zumal Francesco selbst eine gemeinsame Vergangenheit mit Serena zu verbinden scheint. Dennoch fühlen Emilia und Francesco sich zueinander hingezogen, allerdings ist Francesco verheiratet, weshalb Emilia auf Abstand bleibt.

Ohnehin hat sie ganz andere Sorgen: Oberitalien und das schweizerische Tessin werden gebeutelt von den Napoleonischen Kriegen, werden zum Spielball zwischen Franzosen, Habsburgern und Russen. Mit aller Macht und nicht immer legalen Mitteln versucht Emilia, den Seidenhandel, der so lange in Familienbesitz war, zu retten. Doch dann taucht eines Tages der Mann auf, der einst Serena nach dem Leben trachtete…

Da ich selbst schon einmal am Comer See und am Luganer See im Tessin Urlaub gemacht habe, hat dieser Roman sofort mein Interesse geweckt. Allerdings muss ich zugeben, dass die geschichtlichen Ereignisse mich manches Mal verwirrt haben, denn der Geschichtsunterricht in der Schule hat das Thema Napoleon eher aus deutscher Sicht behandelt, das Schicksal von Italien und der Schweiz kam damals quasi nicht vor. Zum Glück brachten das Nachwort des Romans und eine angehängte Zeittafel ein wenig Licht ins Dunkel, zusätzlich habe ich während der Lektüre aber auch bei Wikipedia nachgeschlagen, weil mir im Roman nicht immer klar war, wer genau denn nun gemeint war, wenn von Rebellen und Aufständischen die Rede war – zu viele Gruppen haben dort gegeneinander gekämpft, was die Situation ein wenig unübersichtlich machte.

Einen kleinen Kritikpunkt gibt es für manche allzu selbstverständlich verwendeten Begriffe: So weiß ich nur dank meines Urlaubs in der Region, dass der Comer See bei Einheimischen Lario genannt wird. Dieser Name kommt im Buch häufig vor, erklärt wird er aber nirgends, was für viele Leser sicher verwirrend sein mag, zumal es noch mehr solcher Beispiele gibt. Hier fehlt eindeutig ein Namensregister bzw. eine Begriffserklärung.

Nicht ganz schlüssig wurde mir auch die Rolle der Frauen im Roman: Einerseits haben sie, wie in dieser Zeit üblich, kaum eigene Rechte, andererseits soll es möglich sein, als Frau einen florierenden Seidenhandel allein zu führen? An einer Stelle macht sich Emilia Sorgen, ob es schicklich sei, sich alleine mit einem Mann in ihrem Büro aufzuhalten. Gleichzeitig will sie als Frau Verhandlungen mit ihren Lieferanten und Geschäftspartnern führen? Das erscheint mir ein wenig widersprüchlich, aber ich will auch nicht abstreiten, dass die Rolle der Frau damals genau so widersprüchlich gewesen sein kann.

Trotz dieser kleinen Kritikpunkte war dies eine sehr unterhaltsame Lektüre in einem angenehmen Schreibstil, die mich viel Neues über die Zeit der Napoleonischen Herrschaft gelehrt hat.

Hinter dem Pseudonym Gabriela Galvani verbirgt sich übrigens die deutsche Bestsellerautorin Micaela Jary, wie der Klappentext verrät. Die Autorin ist im Tessin aufgewachsen und kennt die Gegend daher sehr gut. Direkt schade, dass ich diesen Roman nicht schon vor meinem damaligen Urlaub gelesen habe! Theoretisch wäre das möglich gewesen, denn das jetzt erschienene eBook ist eine Neuauflage des Romans, der bereits 2008 als Taschenbuch im Aufbau-Verlag erschienen ist. Das Taschenbuch ist ebenfalls noch im Handel erhältlich, z.B. im Onlineshop von AP Buch Baldham. Ein weiteres Pseudonym der Autorin ist Michelle Marly, wie sie selbst auf ihrer Homepage verrät. Unter diesem Namen hat sie z.B. den Roman „Mademoiselle Coco und der Duft der Liebe“ veröffentlicht.