Das Café der kleinen Kostbarkeiten

Erstellt am 2.12.18. Kategorie: Buchrezensionen
„Das Café der kleinen Kostbarkeiten“
von Jan Steinbach
Bewertung
★★★★★
Verlag Rütten & Loening
Buchform gebunden, eBook
Erschienen September 2018
Seiten 234 als gebundene Ausgabe
Erhältlich bei AP Buch Baldham, Buchladen Vaterstetten

Die 65-jährige Luise und ihr Mann Hubert hatten einen Traum: Einmal zu Weihnachten ein paar Tage in Lübeck verbringen. Seit sie dort vor Jahren auf der Durchfahrt einen kurzen Stopp gemacht hatten, wollten sie dorthin zurückkehren, doch immer kam etwas dazwischen: die Kinder, die Enkel… doch nun ist Luise seit fünf Jahren Witwe und jetzt will sie diesen Traum endlich wahrmachen, das hat sie sich und Hubert versprochen.

Zitat: „Es fühlte sich fast wie Flitterwochen an“, sagte sie. „Nach dreißig Jahren Ehe. Und das nur, weil wir spontan von der Autobahn abgefahren sind.“ Sie hätten häufiger von der Autobahn des Lebens abfahren sollen. Nicht nur dieses eine Mal.

Leider haben ihr Sohn und dessen Familie kein Verständnis für sie: Weihnachten sei doch das Fest der Familie, was wolle sie denn ganz alleine an Heiligabend in Lübeck, da werde sie sich doch ganz bestimmt einsam fühlen. Ihr Sohn versteht nicht, dass Luise sich auch zuhause, im Kreise ihrer Familie und ihrer Freunde, einsam fühlt: Jeden Morgen fällt es ihr schwer, aufzustehen und einen neuen Tag zu beginnen – ohne Hubert. Da helfen auch alle möglichen Aktivitäten nichts. Nur beim Backen vergisst Luise ihren Kummer.

Zitat: Fenster in der Zeit… Wenn man nur hindurchsteigen könnte. Es gab Tage, da würde sie am liebsten durch ein solches Fenster verschwinden. Dorthin, wo Hubert war. Doch diese Fenster waren nicht wirklich. Sie existierten nur in ihrem Bewusstsein.

Mit der kleinen Notlüge, dass sie nicht alleine nach Lübeck fahre, sondern in Begleitung ihrer Freundin Sophia, setzt Luise sich schließlich gegenüber ihrer Familie durch. Und dann ist es endlich so weit: An einem regnerisch-trüben Tag, der so gar keine weihnachtliche Stimmung versprüht, macht Luise sich von Frankfurt aus auf den Weg. Immer wieder kommen ihr Zweifel: Tue ich das Richtige? Wie wird das werden, so ganz allein?

Doch einmal in Lübeck angekommen, verliebt sie sich sofort in das besondere Flair dieser mittelalterlichen Stadt mit ihren schmalen Gassen und kleinen Geschäften. Durch Zufall landet sie in einem anheimelnden Café und stellt fest, dass sie damals auch mit Hubert hier gewesen war und sofort fallen ihr auch wieder die himmlichen Baumkuchen-Punschtörtchen ein, die sie damals so lecker gefunden hatten. Luise kommt mit dem Café-Besitzer Ludwig ins Gespräch. Als er erfährt, dass sie ebenso gern bäckt wie er, ist das Eis schnell gebrochen.

Zwei Tage später begegnen sie sich zufällig wieder, auf dem Weihnachtsmarkt unterhalb der Burg, wo Ludwig einen Stand betreibt. Und von nun an treffen sie sich regelmäßig, backen gemeinsam und werden sich immer vertrauter. Auch Ludwig ist verwitwet, er hat seine geliebte Frau an Krebs verloren. Ihm gegenüber kann Luise endlich über ihre Gefühle reden, darüber, wie sehr sie ihren Hubert noch immer vermisst. Sie spürt, dass Ludwig sie versteht, auch ohne viele Worte.

Und so kommen die beiden sich immer näher. In Luise keimt – zunächst noch ganz vage – der Wunsch auf, einfach in Lübeck zu bleiben, gemeinsam mit Ludwig sein Café weiter zu betreiben, das aktuell von der Schließung bedroht ist und ohnehin für ihn allein zu viel Arbeit wird. Luise beginnt sogar schon, Immobilienangebote zu studieren, gleichzeitig hat sie Angst vor der eigenen Courage. Kann sie wirklich in ihrem Alter nochmal ganz von vorne beginnen, alles hinter sich lassen? Vor allem aber quält sie die Frage, wie es wäre, wenn sie noch einmal einen solchen Verlust erleben müsste wie mit Hubert. Sie ist hin- und hergerissen: Bleiben oder gehen? Ludwig will sie nicht ziehen lassen, doch als er plötzlich zusammenbricht, gerät Luise in Panik, alte Wunden reißen wieder auf. Und dann steht plötzlich Luises Sohn im Hotel und will sie mit nach Hause nehmen…

Was für ein ergreifendes Buch! Ich habe so manches Mal mit Luise geweint, aber auch gelacht und ich habe mich so wie sie in Lübeck und in Ludwigs Café verliebt. Das Buch beschreibt so herrlich die verschiedenen Stimmungen, mir war fast, als spürte ich den Nieselregen und die Schneeflocken, als hörte ich die Musik auf dem Weihnachtsmarkt und röche die verschiedenen Düfte der beschriebenen Köstlichkeiten. Letztlich hat mich das Buch auch sehr nachdenklich zurückgelassen: Wie oft sagen wir „das machen wir mal, wenn…“ …wir Zeit haben, die Kinder aus dem Haus sind, wenn, wenn, wenn… warum nicht gleich? Morgen kann es zu spät sein! Wie schnell ein Leben viel zu früh zu Ende gehen kann, haben wir erst heuer wieder schmerzlich erfahren müssen.

Definitiv also ein Roman, der mich sehr bewegt hat. Und weil man solch bewegende Lektüre am besten mit „Nervennahrung“ verkraftet, gibt es am Ende des Buches einen Anhang mit Rezepten. Da dürfen natürlich die Baumkuchen-Punschtörtchen (eine Erfindung des Autors eigens für diesen Roman) nicht fehlen, daneben gibt es aber auch Anleitungen für regionale, althergebrachte Köstlichkeiten wie Brauner Kuchen, Mutzen, Kindjestüch oder Szekler-Kuchen. Regt zum Nachbacken an!