Hauptsache, der Baum brennt

Erstellt am 10.12.18. Kategorie: Buchrezensionen
„Hauptsache, der Baum brennt“
von Sina Beerwald
Bewertung
★★★★★
Verlag Knaur Taschenbuch
Buchform Taschenbuch, eBook
Erschienen Oktober 2018
Seiten 315 als Taschenbuch
Erhältlich bei AP Buch Baldham, Buchladen Vaterstetten

Stellt Euch vor, Ihr wacht am 2. Dezember nach einem Mädelsabend total verkatert auf, weil frühmorgens jemand an Eurer Tür klingelt. Ihr öffnet und vor Euch steht der Weihnachtsmann – der echte, versteht sich.

Genau das passiert Sarah Christkind aus München. Und natürlich glaubt sie erstmal an einen schlechten Scherz, hält Ausschau nach der versteckten Kamera. Oder ist er ein Staubsaugervertreter, der sich für besonders witzig hält? Im Gegenteil: Der Fremde behauptet steif und fest, der Weihnachtsmann zu sein und Sarah sei sein neues Christkind. Denn das echte Christkind, gesteht er ihr verschämt, hat er gerade versehentlich überfahren.

Nun hat Sarah gerade genug eigene Probleme: Sie ist Mutter zweier pubertierender Teenager und ihr Mann hat sie wegen einer Jüngeren verlassen. Doch von Beruf ist sie Psychologin mit eigener Praxis, zwei Stockwerke unter ihrer Wohnung, und so glaubt sie schließlich, sie habe es mit einem Patienten zu tun, der sich in der Tür geirrt hat. Und ihr professionelles Interesse erwacht, zumal sie den Weihnachtsmann wenig später davor bewahrt, von einem Auto überfahren zu werden. Ihr wird klar: Der Mann hat keine Ahnung von normalem Alltagsleben, von Verkehrsampeln, U-Bahnen oder sonstigen Verkehrsmitteln, die keine Kufen haben. Ihr Plan, ihren Patienten zum psychiatrischen Notdienst zu bringen, scheitert und dann meinen auch ihre Kinder, sie könne den Weihnachtsmann doch unmöglich ohne Hilfe auf der Straße stehen lassen.

So beginnt für Sarah eine turbulente Adventszeit, in der der Weihnachtsmann auf ihrer Couch übernachtet, während all ihre Freunde denken, er sei ihr neuer Liebhaber. Verrückte Erlebnisse im Supermarkt, im Theater, in der Straßenbahn und auf dem Christkindlmarkt sind ab sofort an der Tagesordnung, während Sarah verzweifelt versucht, herauszufinden, woher der Mann denn eigentlich stammt und ob er irgendwo vermisst wird.

Stattdessen taucht im Wald nahe München der total zerstörte Christkindlschlitten auf, im Tierpark Hellabrunn stranden einige Rentiere – darunter eines mit chronischer Sinusitis und entsprechend roter Nase – und auf YouTube ist das Christkindl im zerfetzten Kleid zu sehen, das flucht wie ein Bierkutscher und schwört, sich fürchterlich am Weihnachtsmann zu rächen. Nun überschlagen sich die Ereignisse und Sarah muss bis Heiligabend noch allerhand Abenteuer bestehen, in die auch ihre Kinder, ihre Freude und ihr Ex-Mann hineingezogen werden…

Ich habe mich beim Lesen herrlich amüsiert und mich wie Sarah dauernd gefragt, ob es sich hier nun tatsächlich um den echten Weihnachtsmann handelt (die Anzeichen sprachen dort ganz arg dafür) oder ob es am Ende eine ganz andere Auflösung gibt. Ganz nebenbei hat mich die turbulente Geschichte durch das vorweihnachtliche München geführt, zum Christkindlmarkt am Marienplatz, ins Hofbräuhaus, zum Gärtnerplatztheater, in die Christkindltram, zum Eisbach und in den Englischen Garten, um nur einige Schauplätze zu nennen. All diese Orte sind völlig ungezwungen in die Geschichte eingebaut und so schön beschrieben, dass man kaum glauben mag, dass die Autorin Sina Beerwald gar keine Münchnerin ist, sondern in Stuttgart geboren wurde und zuletzt vor allem Kriminalromane geschrieben hat, die auf Sylt angesiedelt sind.

Eine wirklich amüsante, herzerwärmende, rasante Weihnachtskomödie, die den üblichen Wahnsinn vor dem Fest herrlich auf die Schippe nimmt und uns vielleicht sogar den Glauben an das Weihnachtswunder ein Stück weit zurückbringt. Beim Lesen habe ich mehrmals laut gelacht und auch ein paar Tränen der Rührung vergossen. Wer keine Lust auf kitschige Weihnachtsschnulzen hat, aber dennoch etwas lesen möchte, das zur Jahreszeit passt, der liegt mit dieser Lektüre genau richtig.

Im Anhang gibt es außerdem noch Rezepte für einige finnische Spezialitäten mit so klangvollen Namen wie Korvapuusti (Zimtschnecken), Mustikkapiirakka (Blaubeer-Tarte) oder Kalakukko (ein finnisches Fischbrot). Viel Spaß beim Nachbacken!