Die 48 Briefkästen meines Vaters

Erstellt am 9.6.19. Kategorie: Buchrezensionen
„Die 48 Briefkästen meines Vaters“
von Lorraine Fouchet
Bewertung
★★★★★
Verlag Atlantik
Buchform Taschenbuch, eBook
Erschienen Mai 2019
Seiten 299
Erhältlich bei AP Buch Baldham, Buchladen Vaterstetten

Der Titel dieses Buches hat mein Interesse geweckt und als ich dann noch den Klappentext gelesen hatte, war die Neugier so groß, dass ich den Roman unbedingt lesen musste. Es geht darin um die 25-jährige Chiara, die mit ihrer Mutter Livia in Rom aufwächst. Livias Mann starb kurz nach der Hochzeit, noch vor Chiaras Geburt, durch einen tragischen Unfall. Seitdem versinkt Livia in ihrer Trauer und hat einen Schutzwall um sich herum aufgebaut, den auch ihre Tochter nicht durchdringen kann. Ihre ganze Kindheit und Jugend hindurch sehnt Chiara sich vergeblich nach Nähe und Zärtlichkeit durch ihre Mutter. Ihr unbekannter Vater, der in der Wohnung durch unzählige Fotos präsent ist, wird in ihrer Fantasie verklärt.

An Livias 50. Geburtstag lässt deren Freundin Viola die Bombe platzen: Es ist gut möglich, dass Livias verstorbener Mann gar nicht Chiaras Vater ist. Stattdessen könnte Chiara das Produkt eines One-Night-Stands sein. Denn kurz nach der Beerdigung hat Viola die trauernde Witwe mit nach Elba genommen, um sie abzulenken. Dort lernten die beiden jungen Frauen eine Gruppe von bretonischen Fischern kennen und Livia verbrachte mit einem von ihnen eine verhängnisvolle Nacht. Als sie entdeckte, dass sie schwanger ist, beschwor sie Viola, das Geheimnis für sich zu behalten. Doch nun kann Viola nicht länger schweigen und erzählt ihrem Patenkind Chiara alles, was sie weiß. Viel ist das allerdings nicht: Der Fischer stammte von der bretonischen Insel Groix. An den Vornamen kann sich Viola nicht erinnern und der Nachname hieß wie ein Wetterphänomen: Tonnerre – Donner.

Hals über Kopf reist Chiara nach Groix und macht sich auf die Suche nach ihrem Vater. Die gestaltet sich allerdings schwierig, denn auf dem kleinen Eiland gibt es etliche weitverzweigte Familien, die den Namen Tonnerre tragen. Wo also anfangen? Zum Glück begegnet Chiara einer ganzen Reihe sehr freundlicher und hilfsbereiter Inselbewohner. Sie findet nicht nur eine sehr nette Gastfamilie, sondern lernt auch den Schriftsteller Gabin kennen, den offensichtlich ein Geheimnis umgibt. Dann fällt durch einen Zufall die Postbotin der Insel aus und Chiara bietet sich an, für sie einzuspringen. Schließlich ist das der unauffälligste Weg, um auf der Insel herumzukommen und Nachforschungen anzustellen.

Tatsächlich findet sie zwei Brüder der Familie Tonnerre, die in der fraglichen Zeit auf Elba waren. Doch welcher von beiden ist ihr Vater? Oder ist überhaupt einer ihr Vater? Und warum ist es überhaupt noch so wichtig, das herauszufinden? Denn Chiara findet auf der Insel jemanden, der viel wichtiger ist: Sich selbst.

Die Geschichte wird aus wechselnden Perspektiven erzählt. Neben Chiara kommt auch ein Waisenjunge aus Paris zu Wort, dessen Geschichte in Rückblicken erzählt wird und mich schnell genauso in ihren Bann gezogen hat wie die von Chiara selbst. Daneben gibt es eine ganze Reihe von Einschüben, in denen nicht Menschen, sondern Dinge erzählen: Mehrere Briefkästen, ein Fahrrad, ein Buchladen – das ist äußerst charmant gemacht. Bis zum Schluss rätselt man mit Chiara, wer denn nun ihr Vater ist, man leidet mit dem Waisenjungen mit, lernt die Inselbewohner kennen und lieben. Eine ganz leise, tiefsinnige Geschichte, mit viel Humor erzählt – absolute Leseempfehlung!

Die Autorin Lorraine Fouchet lebt abwechselnd in der Nähe von Paris und auf der Île de Groix in der Bretagne. Sie hat bereits mehrere Romane veröffentlicht, die auf der Insel spielen.