| „Das kleine Hotel am Getreidemarkt“ | |
| von Gerda Stauner | |
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Bewertung
★★★★☆
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| Verlag | Gmeiner |
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| Buchform | Softcover, E-Book |
| Erschienen | März 2026 |
| Seiten | 320 |
| Erhältlich bei | genialokal.de |
Das titelgebende kleine Hotel mit nur vier Zimmern steht in einer kleinen Stadt und wird mit viel Herzblut und Empathie von Marille betrieben. Im ersten Teil des Buches lernt man in ruhigen, sehr atmosphärischen Schilderungen sowohl das Hotel selbst, einen wahren Wohlfühlort, als auch Marille und ihr Umfeld kennen: Da ist ihr Freund Ferdinand, der gerne mehr wäre als „nur“ ihr bester Freund, dann die rüstige, zupackende Hanne sowie einige Nachbarn in den Geschäften und Lokalen rund um den Getreidemarkt. Dazu gehört auch Astrid, ein junges Mädchen, das im Reisebüro nebenan arbeitet.
Astrid kommt aus einem Elternhaus, wie man es wohl niemandem wünscht: Die Eltern kümmern sich nicht um das Mädchen, der verwöhnte Bruder driftet in die Neonazi-Szene ab. Kein Wunder, dass Astrid es kaum noch erwarten kann, von Zuhause auszuziehen! Doch sie fühlt sich einsam und sucht Anschluss an Marille, weil sie in ihrem bisherigen jungen Leben viel Zurückweisung erfahren hat.
Dann sind da noch die Gäste in Marilles kleinem Hotel mit ihren ganz eigenen Träumen und Sehnsüchten – und da ist Gibran, ein afghanischer Flüchtling, der von der Abschiedung bedroht ist und sich in der Stadt versteckt, um Kirchenasyl zu beantragen. Marille findet ihn frierend und hungrig in einer kleinen Gasse und nimmt ihn kurzerhand mit ins Hotel, wo sie ihn übers Wochenende versteckt.
Die ganze Geschichte spielt an nur vier Tagen, von Freitag bis zum darauf folgenden Montag. Ferdinand plant für den Sonntag Abend ein Event im Hotel, eine sogenannte „Mini-Bar“, bei der lokale Künstler auftreten und der beste Filmkuss prämiert werden sollen. Dafür rührt er voller Eifer schon seit Wochen die Werbetrommel. Marille hingegen hat ein ungutes Gefühl bei der ganzen Sache, das sich schließlich bewahrheiten soll – und das hat vor allem mit Gibran, Astrid und deren Bruder zu tun …
Die Geschichte hat mir gut gefallen und Marille fand ich auf Anhieb sympathisch. Die Handlung wird aus wechselnden Perspektiven erzählt, zu Wort kommen neben Marille auch Ferdinand, Hanne, Astrid, Gibran und die verschiedenen Hotelgäste, so dass man sich beim Lesen in jede/n davon gut hinein versetzen kann. Schon bald wuchs in mir die Besorgnis, dass es wegen Gibran (den ich sofort ins Herz geschlossen habe) zu Konflikten mit Astrid und ihrem Bruder kommen könnte – und so kam es ja dann leider auch.
Dass dieser Roman, der so einen „netten“, gemütlichen Titel trägt, dennoch viele ernste Themen wie Krieg, Vertreibung, Rassismus, Familienkonflikte oder Einsamkeit aufgreift, war ein großer Pluspunkt. Ein wenig ratlos hat mich aber das Ende zurückgelassen, das für mein Empfinden ein wenig zu offen war, da sind so viele Stränge noch nicht zu Ende erzählt, dass ich vermute / hoffe, es könnte noch einen zweiten Band geben. Ein wenig Probleme hatte ich gegen Ende hin auch mit Marille, die auf die dramatischen Ereignisse so ganz anders reagiert, als ich selbst das wohl getan hätte: Vor lauter Sorge um das Hotel hätte ich wohl keinen Kopf für andere Dinge gehabt – mehr kann ich dazu aber nicht schreiben, ohne zu spoilern. Auf jeden Fall bietet die Geschichte viel Stoff zum Nachdenken.
Der Ort, in dem das Hotel angesiedelt ist, wird nicht näher definiert, ich hatte beim Lesen aber stets die wunderschöne Stadt Regensburg vor meinem geistigen Auge – wohl deshalb, weil die Autorin Gerda Stauner selbst dort lebt und jahrelang ein Hotel dort geführt hat. Der Getreidemarkt im Buch ist demnach wohl der Alte Kornmarkt, wo tatsächlich wie im Buch jeden Samstag ein Wochenmarkt stattfindet und wo es auch ein Hotel gibt, das perfekt zur Beschreibung im Buch passt, nämlich mit vier Zimmern, die sehr unterschiedlich eingerichtet sind und die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft widerspiegeln. Auch das benachbarte Café ist wie im Buch beschrieben vorhanden. Und nachdem ich nun den Roman gelesen und mich danach via Google Maps in der Region herumgetrieben habe, habe ich definitiv Lust bekommen, die schöne Stadt Regensburg bald wieder einmal zu besuchen.
[Als Werbung gekennzeichnet, da Rezensionsexemplar erhalten]


