Töchter der Hoffnung

Erstellt am 5.11.21. Kategorie: Buchrezensionen
„Töchter der Hoffnung“
von Maria Nikolai
Bewertung
★★★★★
Verlag Penguin
Buchform Taschenbuch, eBook
Erschienen Oktober 2021
Seiten 590
Erhältlich beiAP Buch Baldham, Buchladen Vaterstetten

In den letzten Jahren habe ich mit großer Begeisterung die Trilogie „Die Schokoladenvilla“ von Maria Nikolai gelesen. Nun gibt es Neues von der Autorin: Wieder wird es eine Trilogie, die aber diesmal nicht in Stuttgart, sondern in Meersburg am Bodensee spielt. Und es geht auch nicht um eine Schokoladenfabrik, sondern – zumindest im ersten Teil – um den Lindenhof, ein Haus, das im Laufe des Buches einige Wandlungen durchmacht. Aber der Reihe nach…

Die Geschichte beginnt im November 1917, also im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs. Der Lindenhof wird von der Familie Lindner bewohnt: Vater Gustav, seine Frau Elisabeth und die drei Töchter Helena, Lilly und Katharina. Der Lindenhof ist zunächst ein ziemlich in die Jahre gekommener Gasthof. Es fehlt an Gästen und folglich auch an Geld, um notwendige Reparaturen durchzuführen. Vater Gustav kommt verletzt aus dem Krieg zurück, es dauert, bis er sich wieder um seine Geschäfte kümmern kann. Zwischen ihm und seiner Frau kriselt es, nicht zuletzt durch den Krieg haben sich die beiden entfremdet.

Hauptperson des Romans ist die älteste Tochter Helena. Sie träumt davon, aus dem Lindenhof ein schickes Hotel zu machen, mit gehobener Küche und exklusivem Service. Doch es sieht nicht danach aus, als würden sich diese Träume erfüllen lassen, ganz im Gegenteil: Der Lindenhof ist so verschuldet, dass Gustav kurz davor ist, ihn zu verkaufen, erst in letzter Sekunde kann Helena ihn davon abbringen. Stattdessen wird im Haus ein Lazarett eingerichtet, denn das Krankenhaus in Meersburg, in dem die jüngste Schwester Katharina arbeitet, platzt aus allen Nähten.

Parallel dazu wird die Geschichte des russischen Adligen Maxim Baranow erzählt. Maxim ist schwer traumatisiert, denn seine geliebte Frau Lidia und die drei gemeinsamen Kinder wurden grausam ermordet, Maxim selbst wurde bei den Angriff schwer verletzt. Die russische Revolution zwingt ihn zur Flucht ins Ausland, dabei treibt ihn der Gedanke an, den Mörder seiner Familie zu finden. Ein verloren gegangenes Collier scheint Hinweise zu liefern und die Spur führt schließlich nach Meersburg. Dort findet Maxim Unterschlupf im Lindenhof und kommt nach und nach Helena näher. Doch auch andere Exilrussen sind auf der Suche nach dem Collier. Und dann bricht die Spanische Grippe aus…

Neben Meersburg sind auch verschiedene Orte in Russland sowie das schweizerische Genf Schauplätze dieses Romans, der zwischen 1917 und 1919 spielt. Für mich war vor allem das Geschehen in Russland sehr interessant, weil ich über die damalige Revolution leider bisher nicht allzu viel wusste. Aber auch die Schilderungen vom Bodensee fand ich interessant und ich konnte mir bei der Lektüre gut vorstellen, wie es dort vor 100 Jahren ausgesehen haben muss. Einige Künstler der damaligen Zeit haben „Gastauftritte“ im Roman, darunter der Maler Wassily Kandinsky, die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff oder die Malerin Kasia von Szadurska.

Helena, die Hauptfigur des Romans, ist mir sehr sympathisch, ebenso wie ihre Schwestern, die jedoch etwas mehr im Hintergrund bleiben (um sie geht es in den beiden Folgebänden der Romantrilogie). Über die Eltern möchte ich hier nicht allzu viel schreiben, weil ich sonst Wesentliches aus der Handlung verraten müsste. Und Maxim? Der ist mir ehrlich gesagt fast ein wenig „too good to be true“: adlig, reich, ein treuer Freund, gequält von einem Trauma, was ihn irgendwie nur noch liebenswerter macht, und letztlich entwickelt er sich zu einer Art Ritter in strahlender Rüstung. Das war mir ein wenig zu viel des Guten, aber eine der Figuren muss ja schließlich den romantischen Aspekt des Romans bedienen.

Auch die Kulinarik kommt, wie bei Maria Nikolai gewohnt, nicht zu kurz. So entwickelt Helena im Roman eine „Meersburger Schlosstorte“, deren Rezept im Anhang des Buches abgedruckt ist. Ebenso finden sich im Anhang ein Personenverzeichnis, ein Glossar und Erläuterungen der Autorin zum historischen Hintergrund. Auch hier erfährt man nochmal einiges über den geschichtlichen Kontext, was ich sehr aufschlussreich fand.

Insgesamt fand ich den Roman sehr spannend, von der ersten Seite an flüssig zu lesen und voller bewegender Momente. Helena und ihre Schwestern sind mir gleich ans Herz gewachsen, so dass ich nun schon sehr gespannt auf die weiteren Bände der Trilogie warte, weil ich wissen möchte, was das Schicksal für Lilly und Katharina noch bereit hält. Einige Ereignisse zeichnen sich da ja schon im ersten Band ab, die meine Neugier ordentlich angestachelt haben.