Die Rosengärtnerin

Erstellt am 17.5.19. Kategorie: Buchrezensionen
„Die Rosengärtnerin“
von Sylvia Lott
Bewertung
★★★★★
Verlag Blanvalet
Buchform Taschenbuch, eBook
Erschienen Mai 2019
Seiten 592
Erhältlich bei AP Buch Baldham, Buchladen Vaterstetten

Schon seit langem träume ich davon, einmal ins Loiretal nach Frankreich zu reisen. Weil ich diesen Traum bisher noch nicht realisieren konnte, habe ich mich zumindest nach Romanen umgeschaut, die dort spielen. Das Ergebnis war eher mau – umso größer meine Freude, als ich erfuhr, dass Sylvia Lott, eine meiner Lieblingsautorinnen, einen Roman schreibt, der unter anderem dort spielt. Mit Spannung wartete ich also auf das Erscheinen von „Die Rosengärtnerin“ und meine Freude war riesig, als ich das Vorabexemplar dann endlich in Händen hielt.

Beim Klappentext stutzte ich jedoch zunächst: Ella erbt von der ihr unbekannten Baronin Jeanne de Cremant ein Herrenhaus im Loiretal – spontan musste ich dabei sofort an die Ausgangssituation von Sylvia Lotts vorherigem Buch „Die Inselgärtnerin“ denken, zumal auch der Buchtitel so ähnlich klingt. Aber zum Glück – und wie bei dieser Autorin eigentlich auch nicht anders zu erwarten – entwickelte sich die Geschichte dann doch in eine völlig andere Richtung:

Ella ist pleite und frisch getrennt, als sie von dem Erbe erfährt. Bevor sie das Herrenhaus samt dazugehörigem Dorf aber verkaufen darf, muss sie zunächst ein Jahr dort gelebt haben, sonst fällt das Erbe an einen angeheirateten Neffen der Baronin. Ein Jahr Auszeit in Frankreich, das kommt Ella gerade recht! Allerdings erwartet sie in Cremant kein feudaler Landsitz, sondern ein renovierungsbedürftiges Haus mit verwildertem Park und dazugehörigem Dorf, in dem auch so einiges gemacht werden müsste, wofür allerdings das Geld fehlt.

Natürlich fragt sich Ella, warum gerade sie die Erbin der ihr unbekannten Baronin ist. Von ihrer Mutter erfährt sie nur, dass Jeanne früher einmal auf dem Bauernhof in Ostfriesland gearbeitet hat, auf dem Ellas Familie seit Generationen lebt. Ella beginnt zu recherchieren, sie findet Briefe, alte Tagebucheinträge und spricht mit Einheimischen. Und so entsteht langsam das Bild einer außergewöhnlichen Frau, die eigentlich vier Leben gelebt hat. Diese vier Leben werden im Roman in Rückblenden erzählt:

Jeanne wuchs auf einem Weingut nahe Bordeaux auf. Die Winzerfamilie unterstützte während des Zweiten Weltkriegs den Widerstand und so half auch Jeanne dabei, heimlich Botschaften zu überbringen. Als der Winzersohn von den deutschen Besatzern verhaftet wird, muss Jeanne flüchten, um sich und ihre Familie zu schützen. Sie verpflichtet sich bei den Deutschen als Fremdarbeiterin und landet 1943 auf einem Bauernhof in Ostfriesland. Trotz harter Arbeit fühlt sie sich dort allmählich beinahe heimisch. Doch dann verliebt sie sich in den Bauern Edo und wird schwanger. Ein uneheliches Kind ist zu dieser Zeit ohnehin schon problematisch, aber dann auch noch als Französin, die sich mit einem Deutschen einlässt – undenkbar! Als der Krieg zu Ende ist und Jeanne nach Frankreich zurückkehren kann, steht sie vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens.

Schon immer hat Jeanne gerne gesungen und ihre eigenen Liedtexte geschrieben, in denen sie all ihre Gefühle verarbeitet. In den 1950er Jahren wird sie in Paris zu einer gefeierten Chansonsängerin, doch der Erfolg hat seinen Preis. In ihrem vierten Leben schließlich heiratet Jeanne den Baron de Cremant und kümmert sich fortan um ihre Rosenzucht – darunter auch eine Rose, die sie auf abenteuerlichen Wegen von Ostfriesland bis hierher gerettet hat und deren Duft viele Jahre später auch in Ella Erinnerungen an ihre Kindheit weckt.

Je mehr Ella recherchiert, umso tiefer taucht sie in das Leben von Jeanne ein und umso mehr wird auch ihr eigenes Leben auf den Kopf gestellt. Gleichzeitig fühlt sie sich einsam, so ganz allein in dem alten Herrenhaus. Kurzerhand lädt sie ihre Freunde aus der Hamburger Künstlerszene zu sich ein. Jeder dieser Künstler hat seine eigenen Talente und so hauchen sie dem Dorf allmählich neues Leben ein, locken Touristen in den Ort und sorgen so für eine Aufbruchstimmung, die beim Lesen richtig ansteckend wirkt. Doch irgendjemand ist Ella nicht wohlgesonnen: Wertvolle alte Statuen verschwinden, ein Damm bricht und dann zerstört auch noch ein Feuer die Arbeiten in der Künstlerscheune. Hat Paul, für den Ella immer tiefere Gefühle hegt, hier seine Finger im Spiel?

Von der ersten Seite an hat mich vor allem die Geschichte Jeannes komplett in ihren Bann gezogen. Diese mutige, gewitzte und dabei so gefühlvolle junge Frau habe ich direkt ins Herz geschlossen. Jeannes Geschichte wird in Rückblenden erzählt, es wird also von Kapitel zu Kapitel zwischen Vergangenheit und Gegenwart gewechselt, so gegensätzliche Handlungsorte wie das liebliche Loiretal, die Weinberge um Bordeaux, das quirlige Paris und das raue Ostfriesland wechseln sich dabei ab, was für anhaltende Spannung sorgt. So manches Mal habe ich beim Lesen Tränen vergossen, so sehr habe ich mit Jeanne mitgelitten. Aber auch Ellas Geschichte in der Gegenwart nimmt immer mehr Fahrt auf, je länger sie in Cremant wohnt. Wie schade, dass dies ein fiktiver Ort ist, ich würde sonst sofort einen Urlaub dort buchen!

Auf ihrer Homepage hat die Autorin Sylvia Lott wunderbare Fotos ihrer Recherchereisen veröffentlicht, so kann man sich selber ein eindrucksvolles Bild von den Landschaften an der Loire und in Ostfriesland machen – beide so gegensätzlich und doch beide so reizvoll. Sowohl auf ihrer Webseite als auch im Buch selbst findet sich zudem ein Rezept für ostfriesischen Mehlpütt, auch Duftkuchen genannt, ein Gericht, dass Jeanne in Ostfriesland lieben lernte.

Fazit: Ein wunderbares Buch, das ich regelrecht verschlungen und bei dem ich wieder einmal sehr viel gelernt habe. Danke für diese bewegende Lektüre!