Die Kranichfrauen – Der Wind der Freiheit

Erstellt am 7.5.24. Kategorie: Buchrezensionen
„Die Kranichfrauen - Der Wind der Freiheit“
von Renate Greil
Bewertung
★★★★★
Verlag Ullstein
Buchform kartoniert, eBook
Erschienen April 2024
Seiten 480
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1947 am Ammersee südlich von München: Der Krieg ist vorbei, doch die Menschen haben noch schwer unter den Folgen zu leiden. Hier treffen sich die beiden jungen Frauen Paula und Anna und verbringen zusammen einen ganz besonderen Sommer, der ihr Leben für immer verändern wird.

Paula stammt aus einer wohlhabenden Münchner Familie und ist trotz des Krieges sehr behütet aufgewachsen. Wenn es nach ihren Eltern geht, soll sie bald heiraten, nämlich den Sproß einer reichen Familie, dessen Geld Paulas Eltern gut brauchen könnten, um ihre Firma zu sanieren. Aber Paula hat andere Träume: Sie würde gerne Lehrerin werden. Doch obwohl das Lehrerinnenzölibat inzwischen offiziell aufgehoben wurde, ist es nach wie vor unüblich, dass verheiratete Frauen weiterhin ihren Beruf ausüben. Schon allein deshalb hat Paula es mit dem Heiraten gar nicht so eilig.

Anna ist das älteste von vier Kindern einer Handwerkerfamilie in Dießen am Ammersee. Ihr Vater ist Plakatmaler, verbringt aber immer mehr Zeit in der Wirtsstube, weshalb Anna ihn in der Werkstatt vertritt, was ihr eigentlich auch gut gefällt, noch lieber aber würde sie Bootsbauerin werden – undenkbar für eine Frau! Ginge es nach ihrer Mutter, einer Näherin, würde Anna demnächst eine Lehrstelle als Schneiderin antreten. Doch mit Handarbeiten hat Anna so gar nichts am Hut.

Für beide Frauen tun sich ungeahnte neue Perspektiven auf, als die amerikanischen Besatzungsmächte im Yachtclub Dießen einen Freizeitclub für Jugendliche einrichten wollen. Paula und Anna sollen dort den Sommer über als Betreuerinnen arbeiten. Die jungen Frauen kennen sich aus der Zeit vor dem Krieg, als beide im Yachtclub gesegelt sind, am liebsten mit der „Kranich“, einem stolzen Segelboot, das inzwischen aber in arg ramponiertem Zustand ist. Zur großen Freude der Frauen wird das Boot nun wieder flott gemacht, ebenso wie einige kleinere Jollen, auf denen die Kinder Segelunterricht erhalten.

Es könnte ein schöner Sommer sein, wenn da nicht noch die beiden männlichen Betreuer Wolf und Dietrich wären. Während Wolf ein netter junger Mann ist, der in Paula schon bald tiefere Gefühle auslöst, was aber eigentlich so gar nicht in ihre Zukunftspläne passt, verhält sich Dietrich vor allem Anna gegenüber höchst übergriffig und von oben herab. Bald stellt sich heraus, dass Annas Angst vor ihm nicht unbegründet ist. Dann ist da auch noch Eli, ein Jude, der in einem Camp für jüdische „displaced persons“ lebt und seine Ausreise in den neuen Staat Israel herbeisehnt. Er und Anna verlieben sich, doch kann diese Beziehung eine Zukunft haben, wenn Eli doch bald abreisen wird, während Anna ihrer bayerischen Heimat tief verbunden ist?

Als dann noch durchsickert, dass die Amerikaner planen, die Yacht Kranich als Kriegsbeute nach Amerika zu bringen, fassen die beiden jungen Frauen einen waghalsigen Plan, denn die Kranich ist für sie weit mehr als „nur“ ein Boot: Sie bedeutet ein Stück Freiheit in einer Zeit, in der sich gerade Frauen diese Freiheit erst noch erkämpfen müssen.

Von der ersten Seite an habe ich mit Anna und Paula mitgefiebert, in beide Frauen konnte ich mich gut hineinversetzen und ihre Sehnsüchte nachvollziehen. Beide wurden in einer Zeit erwachsen, als die Männer im Krieg waren und die Mädchen und Frauen zuhause deren Arbeit übernehmen mussten. Nun, als der Krieg vorbei ist und die meisten Männer zurückgekehrt sind und ihre angestammten Plätze wieder einnehmen, sollen die Frauen plötzlich wieder in die zweite Reihe zurücktreten, was vielen von ihnen schwer fällt. Besonders gut zeigt sich dieser Konflikt auch an Paulas Tante Hedi: Die hofft einerseits sehnsüchtig darauf, dass ihr Mann endlich aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrt, falls er denn überhaupt noch lebt. Andererseits hat sie sich daran gewöhnt, mehr oder weniger alleine für sich und ihre beiden Kinder zu sorgen, da will sie sich auch nicht von wohlmeinenden Verwandten dreinreden lassen. Am Ende des Sommers stehen alle drei Frauen vor schweren Entscheidungen und an einem Wendepunkt ihres Lebens.

Im Roman kommen etliche Fachbegriffe aus der Welt der Segler vor, mit den wenigsten davon konnte ich etwas anfangen, doch das hat meinen Lesegenuss in keinster Weise getrübt. Das Buch kann ich daher auch allen Landratten, die gerne gut recherchierte historische Romane lesen, wärmstens empfehlen. Die Autorin Renate Greil ist freiberufliche Journalistin und Schriftstellerin und lebt selbst am Ammersee, den meine Familie als Ausflugsziel liebt und den ich nun nochmal mit ganz anderen Augen sehe. Und ich hoffe sehr, dass es zu diesem Buch noch Fortsetzungen geben wird, denn ich möchte zu gerne wissen, wie es mit den Kranichfrauen weitergeht.

[Als Werbung gekennzeichnet, da Rezensionsexemplar erhalten]