Palais Heiligendamm – Stürmische Zeiten

Erstellt am 7.6.21. Kategorie: Buchrezensionen
„Palais Heiligendamm - Stürmische Zeiten“
von Michaela Grünig
Bewertung
★★★★★
Verlag Bastei Lübbe
Buchform Taschenbuch, eBook
Erschienen Mai 2021
Seiten 523
Erhältlich beiAP Buch Baldham, Buchladen Vaterstetten

Letzten Herbst habe ich mit großer Begeisterung den historischen Roman „Palais Heiligendamm – Ein neuer Anfang“ gelesen. Es ging darin um die Hoteliersfamilie Kuhlmann in Doberan nahe der mecklenburgischen Ostseeküste und ihr Schicksal in den Jahren 1912 bis 1919. Nun geht die Geschichte endlich weiter und setzt im Jahr 1922 ein. Das Hotel hat den Ersten Weltkrieg überstanden und erstrahlt frisch renoviert in neuem Glanz. Nur die Gäste bleiben noch aus, denn so kurz nach dem Krieg, mit Inflation und unsicheren politischen Verhältnissen, steht den Leuten nicht der Sinn nach Sommerfrische am Meer.

Hotelchefin Elisabeth Kuhlmann und ihr Partner Julius Falkenhayn müssen sich auch erst wieder zusammenraufen nach all der Zeit, die sie getrennt waren und nach all den Missverständnissen, die zu dieser Trennung geführt haben. Doch neben dem Hotel verbindet sie auch ihre gemeinsame Tochter Julia. Die hat vor allem eine enge Bindung zu ihrer Ziehmutter Minna, dem früheren Hausmädchen der Kuhlmanns. Mittlerweile ist Minna zur Köchin des Hotels aufgestiegen und hat damit eine Aufgabe, die sie ausfüllt. Bei einem Aufenthalt in München lernt sie Albert Schuhmacher kennen, verliebt sich in ihn und ist überglücklich, als Elisabeth ihn Minna zuliebe nach Bad Doberan holt und ihm eine Stellung im Hotel verschafft. Doch das Liebesglück ist getrübt, denn Albert ist überzeugter Kommunist und damit begibt er nicht nur sich selbst immer wieder in Gefahr, sondern schadet auch dem Hotel.

Überhaupt werden die Zeiten rauer, denn die NSDAP gewinnt an Stärke. Elisabeth und Julius lehnen deren Gesinnung ab, doch Elisabeths Bruder Paul ist leicht zu verführen: Seine Homosexualität macht ihm schwer zu schaffen, denn bei Entdeckung droht ihm eine lange Gefängnisstrafe. Er fühlt sich gefangen in der Ehe mit Helene, mit der er immerhin drei Kinder hat, aber keine Erfüllung findet. Da lernt er Carl von Herrhausen kennen, einen aufstrebenden Parteigänger der NSDAP in Berlin. Die beiden verlieben sich und verbringen in Berlin eine vergleichsweise unbeschwerte Zeit, denn dort sind die Sitten in den „Goldenen Zwanzigern“ wesentlich lockerer als im konservativen Mecklenburg. Paul fühlt sich zum ersten Mal in seinem Leben frei und das lässt ihn über Carls politische Gesinnung hinwegsehen. Er verschließt sogar die Augen vor Carls Judenhass, dabei ist Pauls eigene Schwester Johanna zum Judentum übergetreten, als sie ihren Mann Samuel geheiratet hat. Es kommt unweigerlich zum Bruch zwischen den Geschwistern, obwohl Elisabeth immer wieder versucht, zwischen den beiden zu vermitteln.

Und dann ist da noch die jüngste Kuhlmann-Schwester Luise, die ein aufstrebener Star im Filmgeschäft wird. Nur die Besetzungscouch eines UFA-Bosses meidet sie, auch wenn sie dadurch zunehmend in Bedrängnis gerät. Als plötzlich Carls Homosexualität aufzufliegen droht, geht er mit Luise eine Scheinehe ein. Sie erhofft sich durch seinen Einfluss einen Karriereschub, doch wie so viele andere Hoffnungen der Familie wird auch diese enttäuscht und spätestens mit Hitlers Machtergreifung müssen die Familienmitglieder sich entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollen.

Das war wieder einmal ein Roman, den ich von der ersten bis zur letzten Seite verschlungen habe, auch wenn die Geschichte immer düsterer und unheilvoller wurde, zumal der Leser im Gegensatz zu den Romanfiguren ja weiß, wie die deutsche Geschichte sich weiter entwickelt hat. Auf sehr empathische, differenzierte Weise zeigt der Roman auf, wie es vermutlich vielen Menschen in den 1920er Jahren ging: Sie haben die Augen vor der drohenden Gefahr verschlossen, sich eingeredet, dass es so schlimm schon nicht werden würde. Oft waren sie auch eingeschüchtert und materiell / existentiell davon abhängig, sich mit der NSDAP zu arrangieren. Auch Elisabeth muss sich überlegen, welche Art von Klientel sie im Palais beherbergen will.

Sehr ambivalente Gefühle hatte ich in diesem zweiten Teil für Paul. Während ich im ersten Band noch sehr mit ihm mitgelitten habe, schwankte ich diesmal zwischen Verständnis und Unverständnis für sein Handeln. Aber genau das machte auch den Reiz der Lektüre aus: Es war damals eben nichts einfach nur schwarz oder weiß und die Autorin hat das sehr gut herausgearbeitet und dafür auch akribisch recherchiert. Die fiktiven Personen der Hoteliersfamilie wurden sehr geschickt in das reale Geschehen der damaligen Zeit eingebunden und mit real existierenden Personen in Zusammenhang gebracht, von Politikern bis hin zu UFA-Schauspielern.

Die Handlung endet im Jahr 1933 zwar mit einer sehr versöhnlichen Note, dennoch blieb bei mir nach der Lektüre ein Gefühl der Beklemmung zurück, denn ich weiß ja, dass die Zeiten danach erst richtig schlimm wurden. Deshalb war ich zunächst erleichtert, dass es nun doch noch einen dritten Teil dieser ursprünglich auf zwei Bände angelegten Saga geben soll: „Tage der Entscheidung“ wird voraussichtlich im Januar 2022 erscheinen. Allerdings, so verriet es kürzlich die Autorin, wird dieser dritte Band im Jahr 1939 enden. Tja, so hoffe ich nun, nach dem Ende des zweiten Teiles, tatsächlich schon darauf, dass es auch noch einen vierten Teil geben wird. Denn die Hoteliersfamilie Kuhlmann ist mir so ans Herz gewachsen, dass ich unbedingt wissen will, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihr weitergeht.

Allen Neueinsteigern empfehle ich dringend, mit Band 1 anzufangen. Denn beide bisher erschienenen Teile sind weit über 500 Seiten lang, da passiert so vieles, was aufeinander aufbaut und man tut sich bestimmt wesentlich leichter mit Band 2, wenn man die Vorkenntnisse aus Band 1 mitbringt. Eine Lektüre, die sich auf alle Fälle lohnt!