| „Fabula Rasa“ | |
| von Vea Kaiser | |
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Bewertung
★★★★☆
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| Verlag | Kiepenheuer & Witsch |
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| Buchform | Hardcover, E-Book, Hörbuch |
| Erschienen | Oktober 2025 |
| Seiten | 576 |
| Erhältlich bei | genialokal.de |
Auf der Frankfurter Buchmesse 2025 wurde ich auf die Autorin Vea Kaiser aufmerksam. Das heißt: Ihr neues Buch mit dem ungewöhnlichen Titel „Fabula Rasa“ war mir zuvor schon auf dem Instagram-Kanal ihres Verlages KiWi aufgefallen, doch während der Buchmesse besuchte ich abends die Veranstaltung „Literatur im Römer“ und da war u.a. die Autorin Vea Kaiser zu Gast. Sie las nicht nur einen kleinen Ausschnitt aus ihrem Roman, sondern war im Interview so witzig und schlagfertig, dass ich mir allein schon deshalb vorgenommen hatte, ihr Buch so bald wie möglich zu lesen.
Seitdem bin ich um das Buch herum geschlichen, wünschte es mir erst zu Weihnachten, kaufte es mir schließlich selbst und kam dann leider ewig nicht dazu, es zu lesen. Dann las ich bei gleich zwei befreundeten Bloggerinnen Rezensionen, die nicht so positiv ausfielen. Das wiederum bewog mich, das Buch nun endlich selbst zu lesen und mir mein eigenes Urteil zu bilden.
Im Buch geht es um die Wienerin Angelika Moser, deren Leben von den späten 1980ern, als sie Mitte 20 ist, bis zu den 2020er-Jahren erzählt wird. Mit einer strengen, oft lieblosen, alleinerziehenden Mutter in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, setzt Angelika voller Ehrgeiz alles daran, es in ihrem Beruf zu etwas zu bringen: Sie arbeitet als Buchhalterin im renommierten Wiener Grand Hotel Frohner, wo dem Hoteldirektor tatsächlich schon bald ihr Können auffällt.
Als er sie bittet, die Finanzen so zu frisieren, dass das Hotel für die Rechnungsprüfer nicht so gut dasteht, wehrt sie sich zunächst, willigt aber schließlich doch ein – und merkt schnell, wie einfach es ist, so zu betrügen, dass es niemandem auffällt. Als sie später selbst alleinerziehende Mutter eines Sohnes ist und das Geld hinten und vorne nicht reicht, ist die Versuchung übergroß, sich mit ein paar Tricksereien aus ihrer Misere zu helfen.
Jahrzehntelang geht alles gut und es scheint, als würde Angelikas Betrug niemals auffliegen, bis es kurz vor Ende des Romans doch noch zu ihrer Verhaftung kommt – das kann ich schreiben, ohne zu spoilern, denn dass Angelika verurteilt wird, erzählt die Autorin Vea Kaiser schon im Prolog. Demzufolge beruht ihr Roman auf einer wahren, wenngleich verfremdeten Geschichte und sie hat die echte Angelika Moser sogar mehrfach im Gefängnis besucht, um sich deren Geschichte aus erster Hand erzählen zu lassen. Diese Begegnungen, aus Sicht der Autorin geschildert, fand ich ausgesprochen interessant.
Interessant war unzweifelhaft auch die Lebensgeschichte von Angelika, nur leider war sie mitunter allzu ausufernd geschildert. Von langen Partynächten und Besäufnissen in den 1980ern, von Drogenexzessen der besten Freundin, von One Night Stands und längeren Bettgeschichten (Liebesgeschichten konnte man nur die wenigsten davon nennen) … es wird quasi nichts ausgelassen, was auch die Länge des Romans mit 576 Seiten erklärt. Hier wäre weniger definitiv mehr gewesen, denn die Erzählung zog sich unnötig in die Länge, mir war beim Lesen zwischendurch recht fad, wie man in Wien sagen würde, und ich musste mich manchmal zum Weiterlesen regelrecht zwingen.
Dass Angelikas Betrug auffliegt, passiert wie erwähnt erst ganz am Ende des Buches und wird entsprechend kurz abgehandelt. Man muss den Roman weniger als Geschichte eines Betrugs, sondern vielmehr als die Erzählung eines Lebens verstehen und zugleich als Bild der sich wandelnden Gesellschaft von den späten 1980ern bis heute: vom Kalten Krieg bis hin zu Kryptowährungen, von New Wave bis Work-Life-Balance, vom Opernball bis zu Klimaaktivisten, vom Durchschlagpapier bis zu Social Media. Da ich selbst 1970 geboren bin, habe ich diese Zeit und den beschriebenen Wandel selbst mit erlebt und fand es durchaus spannend, davon zu lesen.
Sehr charmant fand ich den Schreibstil der Autorin, geprägt von trockenem Humor und, obwohl in Hochdeutsch geschrieben, versetzt mit vielen wienerischen Ausdrücken. Die meisten davon waren mir geläufig, da etliche davon auch in Bayern verwendet werden (z.B. deppert, fesch oder granteln), für alle anderen gibt es im Buchanhang noch ein kleines Wienerisch-Wörterbuch. Beim Lesen dieser Ausdrücke hatte ich sofort eine Stimme im Ohr, die das laut in schönstem Wienerisch ausspricht und das habe ich geliebt!
Schlussendlich war ich fast ein wenig traurig, als das Buch geendet hat, obwohl ich mich zwischendurch ein wenig hindurchquälen musste, aber Angelikas Schicksal hat mich dann doch noch gepackt und ich habe nach der Lektüre noch viel über sie nachgedacht. Somit vergebe ich am Ende versöhnliche 4 Sterne.
[Werbung, unbezahlt]


