Zwei in einem Bild

Erstellt am 3.3.26. Kategorie: Buchrezensionen
„Zwei in einem Bild“
von Morgan Pager
Bewertung
★★★★★
Verlag Hoffmann und Campe
Buchform Hardcover, E-Book
Erschienen März 2026
Seiten 352
Erhältlich beigenialokal.de

Wart Ihr schon mal in einem Museum oder einer Kunstgalerie und habt Euch vorgestellt, wie es wohl wäre, wenn Ihr in das Bild hineinsteigen und Teil der dargestellten Szene werden könntet? Nun, Claire, die Hauptfigur in diesem Roman, hat sich das schon als Kind gewünscht. Als junge Erwachsene, mit der es das Leben nicht immer gut gemeint hat, ist sie daher umso glücklicher, als sie einen Job als nächtliche Reinigungskraft in einem Museum ergattert. Nun kann sie Nacht für Nacht ganz in Ruhe die ausgestellten Gemälde betrachten und sich in sie hineinträumen.

Besonders hat es ihr ein Gemälde von Henri Matisse angetan, auf dem er seine Familie abgebildet hat. Vorne links im Bild sitzt Jean, der ältere Sohn von Henry Matisse, zu dem sie sich besonders hingezogen fühlt. Und je länger Claire dieses und die übrigen Bilder betrachtet, umso lebendiger scheinen ihr die abgebildeten Personen zu sein.

Tatsächlich führen die Menschen, die dort auf die Leinwände gebannt sind, gewissermaßen ein zweites Leben im Museum: Tagsüber bleiben sie unbeweglich, doch nachts, wenn die Besucher und Museumswärter verschwunden sind, erwachen sie aus ihrer Starre, verlassen auch mal ihr eigenes Gemälde, um sich untereinander zu treffen, sich auszutauschen und miteinander Spaß zu haben.

Und eines Tages geschieht das Unfassbare: Claire wird zu Jean ins Bild gezogen. Nacht für Nacht entdeckt Claire nun an Jeans Seite eine gänzlich neue Welt und wandert mit ihm durch die Gemälde, besucht Pferderennen, Parks, das Meer, einen Sandstrand und Klippen, lernt andere Personen aus den Gemälden kennen und verliebt sich immer mehr in Jean, so wie er sich in sie. An Jeans Seite kann Claire eine unbeschwerte junge Frau sein, während sie im echten Leben schon früh viel Verantwortung übernehmen musste.

Doch nach einigen Wochen voller Glückseligkeit in dieser Traumwelt wird diese ungewöhnliche Liebe auf eine harte Probe gestellt, denn durch Corona und den Lockdown kommt es zu einer ungewollten Trennung. Und das ist längst nicht die einzige Herausforderung, der sich das Paar stellen muss …

Diese ungewöhnliche Romanidee hat mich sofort neugierig gemacht, als ich den Klappentext gelesen habe. Da es in der Galerie, in der die Handlung spielt (es handelt sich dabei um die Barnes Foundation in Philadelphia), vor Werken von Renoir, Matisse, Degas, Cézanne, van Gogh und Picasso nur so wimmelt, passte dieses Thema auch gut zu den Montmartre-Romanen von Marie Lacrosse, die ich letztes Jahr mit großer Begeisterung gelesen habe.

Mit dem fantastischen Element musste ich erstmal klarkommen. Über den echten Jean Matisse ist nicht viel bekannt, ich habe das im Roman so verstanden, dass die Figuren nach ihrem ersten, realen Leben gewissermaßen in den Bildern noch ein zweites Leben führen, das im Gegensatz zu ihrem ersten Leben unendlich ist. Die Art und Weise, wie Claire zu Jean in sein Bild und seine Welt hineinsteigen kann, hat mich spontan an das Video zu „Take on me“ von a-ha erinnert, kennt das hier noch jemand? Wenn nicht, schaut es Euch unbedingt mal an! Hier zwei Screenshots aus dem Video:

Praktisch veranlagt, wie ich nun mal bin, habe ich mir ein paar Fragen gestellt wie: Könnte Claire Jean mit Corona anstecken? Oder von ihm schwanger werden? Wie können sich die gemalten Personen weiter entwickeln, wenn sie doch andererseits nicht altern können und quasi in einer Momentaufnahme für immer festgehalten sind? Der echte Jean Gérard Matisse ist 1899 geboren, das Familienbild entstand 1917, als er gerade mal 18 Jahre jung war, doch das Bild ist zum Zeitpunkt des Romans bereits über 100 Jahre alt, so alt ist folglich auch der gemalte Jean, der entsprechend in seinem Charakter über eine gewisse Altersweisheit verfügt.

Also, wie gesagt, auf diese fantastischen Elemente der Handlung musste ich mich erstmal einlassen und manches nicht allzu genau hinterfragen. Vor allem im letzten Buchdrittel überwiegt dann aber sowieso Claires reales Erleben und das war so spannend, dass ich das Buch gar nicht mehr weglegen konnte.

Fazit: Eine ungewöhnliche, romantische und dramatische Liebesgeschichte, die Grenzen sprengt – und ich werde ganz sicher künftig jedes Gemälde mit anderen Augen betrachten!

[Als Werbung gekennzeichnet, da Rezensionsexemplar erhalten]